Evangelische Stiftskirche Stuttgart

Mitten im Leben

Stabwechsel in der Prälatur

(29.10.2016) Prälat i.R. Ulrich Mack und die designierte Prälatin Gabriele Arnold sprechen über Gott und ihren Auftrag in der Prälatur Stuttgart.

Bild Prälaten
Ein Dienstag Mitte Oktober. Es ist frostig kalt. Zum Glück aber nur die Temperatur und nicht die Atmosphäre in der Oberen Sakristei der Stiftskirche. Die künftige Prälatin Gabriele Arnold schaut in den Chorraum hinunter und staunt: „Was für eine tolle Kirche! Die Matthäuskirche ist schon etwas Besonderes, meine Schlosskirche in Bad Mergentheim auch - aber dieses Gebäude...“ Prälat i.R. Mack schaut auch und lächelt. Er genießt seinen „neuen Stand“, wie er schmunzelnd erzählt – nur die angeblich mit diesem verbundene Ruhe, die suche er noch.

In das Zeitfenster, das den beiden Prälaten gemeinsam zur Verfügung steht, würde ein reguläres Fußballspiel hineinpassen. Die Kalender der beiden Menschen, die denselben Beruf, die gleiche Berufung haben, sind so vollgepackt wie die von Topmanagern. Ulrich Mack bricht danach gen Frankfurt auf, Gabriele Arnold leitet als Vorsitzende des Müttergenesungswerkes eine Sitzung desselben. 90 kostbare Minuten lang erleben vier Mitglieder des Homepage-Teams der Stiftskirche - nämlich Stiftspfarrer Matthias Vosseler, die beiden Kirchengemeinderätinnen Dr. Beate Ceranski und Heidi Heinemann sowie Judith Jaud - einen sehr konzentrierten Gedankenaustausch zweier Seelsorger, die während der Interimsphase bis zum 1. Advent 2016 den Stab der Prälatur Stuttgart gemeinsam halten; so schwebt er, ohne zu fallen. Voller Leidenschaft, aber auch kristallklar analysierend, den Blick dabei stets auf Gottes Willen gerichtet, sprechen sie über Pflicht und Freude in und an ihrem Beruf.

Da jeder Vorgänger ein Wissen in sich trägt, das Nachfolgern zwangsläufig vorenthalten bleibt, drängt sich die Einstiegsfrage des Homepage-Teams (HoTe) geradezu auf:

„Was wünschen Sie Ihrer Nachfolgerin, Herr Mack?“
Die Antwort kommt spontan: „Dass sie die Prälatur so gerne leitet wie ich.“

„Und was wünschen Sie sich, Frau Arnold?“
„Dass ich auch als Prälatin seelsorgerlich tätig sein darf; ich möchte so präsent wie möglich sein: sichtbar, nahbar und erreichbar. Ob es gelingt, weiß ich allerdings nicht.“

Ulrich Mack (UM): „Es wird bestimmt möglich sein, auch weiterhin seelsorgerlich wirken zu können. Ich finde das auch sehr wichtig. In der Funktion eines Prälaten ist man ja für die Gemeindemitglieder, oft für engagierte Ehrenamtliche und für Pfarrerinnen und Pfarrer, als Seelsorger da – oder vielleicht der erlebten Praxis näher formuliert: als Beraterin oder Berater. Und das Schöne an dieser Funktion ist: man ist nicht direkter Vorgesetzter, sondern steht außerhalb des Spannungsfeldes Oberkirchenrat / Pfarrer. Ein Prälat oder eine Prälatin hat eher die Rolle eines Libero. Diese Freiheit darf man nutzen; sie ist hilfreich in Gesprächen, manchmal auch um Konflikte zu schlichten.“

Gabriele Arnold (GA): „In meiner jetzigen Funktion als Pfarrerin in Bad Mergentheim bin ich auch Dienstvorgesetzte von 40 Mitarbeitenden. Hin und wieder kann ich bestimmte Erzählungen oder Verhaltensweisen als Seelsorgerin durchaus nachvollziehen; vom Dienstrecht her jedoch muss ich die Verwaltungsregeln einhalten und auf das Arbeitsrecht verweisen. Ob ich meine bisherige „Seelsorge on the way“ wohl beibehalten können werde? Dass ich also am Gartenzaun oder auf der Straße angesprochen werde und zuhören, ja sogar seelsorgerlich tätig werden darf?“

UM: „Daran ändert sich nur insofern etwas, als man als Prälat nochmals ganz neue Bereiche und Menschen kennenlernt. Viele beratende oder seelsorgerliche Gespräche ergeben sich in Visitationen oder anderen dienstlichen Besuchen – oft auch scheinbar zufällig, etwa beim Kaffeetrinken in Sitzungspausen oder nach einem Gottesdienst. Da können dann Sozialarbeiter, Politiker, Verwaltungsmitarbeiter, Krankenhausseelsorger, Professoren oder Lehrer eher nebenbei etwas erzählen oder um Gehör bitten. Ich nehme wahr, dass viele Berufstätige oder Funktionsträger anders sprechen, wenn sie wissen, dass ich auch als Prälat Pfarrer bin. Wir haben keine politischen Ambitionen – also kann auch ein Politiker auf einer anderen Ebene mit uns sprechen.“

GA: „Das erlebe ich als Pfarrerin auch jetzt so. Es ist immens wichtig, ein Stück weit offen oder neutral zu bleiben und den Blick von außen zu bewahren. Zumal jede und jeder sicher sein kann, dass wir das Beichtgeheimnis wahren und achten - komme, was wolle.“

HoTe: „Das Beichtgeheimnis, das aus der Zeit vor Martin Luther stammt?“

GA: „Natürlich! Das Beichtgeheimnis als hohes Gut hat sich nie verändert. Es zu wahren, ist ein überkonfessioneller Auftrag.“

UM: „Zumal es ja schon in der Bibel verankert ist. Vielleicht kommt aber auch noch ein weiterer Aspekt hinzu. Zumindest habe ich die Erfahrung gemacht, dass weniger die Suche nach Beichte und Vergebung im Vordergrund steht als vielmehr eine Sehnsucht nach Orientierung. Häufig ringen Menschen in bestimmten Verantwortlichkeiten darum, eine Wegweisung oder eine andere Perspektive aufgezeigt zu bekommen. Und häufig geht es darum, einfach das Augenmerk wieder auf die wahren Werte zu lenken und Prioritäten zu sortieren.“

GA: „Letztendlich geht es immer um Zweifel, um Glauben, Macht und Liebe. Wir alle sind ja Gottes geliebte Kinder. Nur wenn der Zweifel kommt, wenn man mal etwas durchsetzen will - im Beruf und privat - wenn viel Druck und Hektik da sind, vergisst man das gelegentlich. Da ist es schon wichtig, als Pfarrerin oder Pfarrer, egal, auf welcher Ebene, präsent und ansprechbar zu sein.“

UM: „Genau das kann im persönlichen Gespräch gelingen. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir das Dialogforum der Kirchen in der Region oder ein Abgeordnetenbüro in Berlin betreten – der Mensch handelt, empfindet und denkt menschlich und kann sich – wenn das Vertrauen, wenn der richtige Moment da ist – im Gespräch ein Stück weit öffnen.“

HoTe: „Die Fläche der Prälatur Stuttgart ist relativ klein; angeblich kann man sie vom Fernsehturmkorb aus vollständig sehen – ist das nun Begrenztheit oder Überschaubarkeit?“

UM: „Ja, das steht so anschaulich in einigen Publikationen, aber man kann nicht wirklich alles vom Fernsehturm aus sehen. Der Prälaturbezirk reicht im Norden bis kurz vor Heilbronn und im Osten bis zum Albaufstieg am Aichelberg. So weit kann man von Stuttgart aus nicht sehen. Dafür reicht das Auge im Süden und Westen bei klarer Sicht deutlich in die Prälatur Reutlingen hinein. Diese beginnt ja schon in Leonberg und Böblingen. Wir arbeiten übrigens, so habe ich es im Prälatenteam erlebt, über räumliche Grenzen hinweg gut zusammen und versuchen, den Überblick gemeinsam zu wahren.“

GA: „Außerdem kann man nicht hinter alle Buckel gucken. Aber das Schöne ist, dass auch über die Prälaturgrenzen Aufgaben gemeinsam gelöst werden, zumal die Flächen der Prälaturen nicht deckungsgleich mit denen der Regierungsbezirke sind und deshalb ständig ineinander greifende Kontakte entstehen.“

HoTe: „Der Prälat von Stuttgart predigt alle zwei Wochen in der Stiftskirche. Hat die Predigt für Prälaten die gleiche Bedeutung wie für Pfarrer?“

UM: „Die Predigt, aber auch die gesamte Gottesdienstgestaltung, bilden für jeden Pfarrer, gleich, welchen Amtes, den Schwerpunkt. Ich meine: Ein Gottesdienst sollte nicht als die Veranstaltung eines Einzelnen gesehen werden. Die Menschen feiern gemeinsam und stärken sich gegenseitig. Das gilt auch für eine Predigt. Ich erlebe es so: Jede Predigt ist im Vorfeld ein Zwiegespräch mit Gott und während des Predigens im Idealfall ein Dialog mit der Gemeinde. Die Gemeinde predigt in gewisser Weise mit.“

GA: „Für mich wird sich der Anspruch auch nicht ändern. Gottesdienst und Predigt sind für mich echte Herzensangelegenheiten. Vor jeder Predigt habe ich großen Respekt. Ich überlege, recherchiere und schreibe entsprechend lange an ihr. Die Gemeinde erwartet ja auch etwas - völlig zu Recht. Wir haben in Bad Mergentheim trotz der hohen Zahl an katholischen Einwohnern sehr gut besuchte Gottesdienste; da ist es wichtig, diese Aufgabe ernst zu nehmen.“

UM: „Sie haben in Bad Mergentheim viele treue Stammbesucher, oder?“

GA: „Schätzungsweise ein Drittel der Gottesdienstbesucher sind Kurgäste oder Besucher von außerhalb, zwei Drittel Gemeindeglieder aus Bad Mergentheim.“

UM: „Das ist in der Stiftskirche vergleichbar. Wir haben häufig Gäste von außerhalb – bei normalen Sonntagsgottesdiensten und erst recht bei besonderen Ereignissen, zum Beispiel bei musikalischen Akzenten oder in der Zeit des Weihnachtsmarkts.“

GA: „Jeder Gottesdienst ist nur in der Gemeinschaft vorstellbar. Auch ihn vorzubereiten, ist natürlich nur im Team möglich. Ohne Mesner, Organist, Techniker, Kirchenchor, Reinigungsteam oder Kirchengemeinderat geht nichts. Das ist echtes Teamwork. Oder denken Sie an das gemeinsame Gebet in der Sakristei vor Beginn des Gottesdienstes – das ist so wichtig!“

UM: „So sehe ich es auch. Das gemeinsame Gebet vor dem Gottesdienst ist ein sehr stärkendes Element des gemeinsamen Tragens. Es war mir immer wichtig. Und auch, was nach dem Gottesdienst geschieht. Ich erinnere mich an Momente, in denen ich die Treppe von der Kanzel hinunterging und Gott bat: 'Herr, jetzt wirke Du weiter.'“

GA: „Ein Gottesdienst – und das darf man nie vergessen - ist ja keine Veranstaltung des Pfarrers oder der Pfarrerin. Ich habe zwar die Ermächtigung, ihn zu leiten oder die Ehre, an ihm mitzuwirken, aber es ist eine Veranstaltung zu Ehren Gottes. Es ist Gottes Veranstaltung – ein Dienst an Gott. Und Gott dient uns mit seinem Wort und seiner Gegenwart. Da ist der Beistand des Heiligen Geistes von ganz zentraler Bedeutung!“

HoTe: „Was für Spielräume, wie viel Freiheit hat ein Prälat?“

UM: „Ich erwähnte ja schon die Rolle des Libero. Damit meine ich einen gewissen Freiraum sowohl in Gesprächen wie in der Terminplanung oder Prioritätensetzung. Als Prälat hatte ich natürlich eine große Zahl an Pflichtaufgaben. Aber ich hatte auch die Freiheit, Termine anzunehmen oder abzulehnen. Zum Prälatenamt gehört nicht so viel Verwaltungsverantwortung, wie dies ein Pfarrer oder Dekan erlebt. Aber dieser Freiraum ist natürlich mit Verantwortung und Abwägung verbunden. Mir war es wichtig, eine Einladung in eine Gemeinde zu einem Gottesdienst oder einem Vortrag wenn irgend möglich anzunehmen. Auch wenn unsere Prälatur 255 Gemeinden umfasst...“

GA: „Noch habe ich ja keine Erfahrung, sondern nur die Hoffnung, dass die Sitzungen, an denen ich künftig teilnehme, dazu dienen, Gestaltungsspielräume für andere zu eröffnen. Aber wahrscheinlich muss ich auch selbst noch lernen, nein zu sagen. Was die substanzielle Arbeit anbelangt - da möchte ich das Nein jedoch weder lernen noch praktizieren. Soweit es die Gottesdienstvorbereitung anbelangt, freue ich mich darauf, künftig „Libero“ – oder besser: „Libera“ zu werden, wie Herr Mack es nennt, und hierfür brauche ich ausreichend Freiraum und Freiheit. Eine Predigt schreibe ich garantiert nicht zwischen Mitternacht und drei Uhr morgens. Und Grußworte oder die Mitwirkung an Gemeindeveranstaltungen wollen ja auch gut vorbereitet werden. Was meinen Sie, Herr Mack – sind meine Hoffnungen utopisch?“

UM: „Nein, keineswegs. 'Utopie' kommt von dem griechischen 'u-topos', was 'kein Ort'. heißt Es wäre traurig, wenn wir für die Gottesdienstvorbereitung, für Besuche und Bibelabende keinen Ort mehr hätten.“

HoTe: Die Predigt ist aber nur ein Teil der Aufgaben im Prälatenamt. Was gehört noch dazu?

UM: „Ich habe das Prälatenamt als sehr vielfältig erlebt. Zu ihm gehört die Kirchenleitung im Kollegium, dem leitenden Gremium der Landeskirche. Dort haben Prälaten Sitz und Stimmrecht. Das Kollegium tagt jeden Dienstag auf der Stuttgarter Gänsheide unter dem Vorsitz von Landesbischof Frank Otfried July. Prälaten haben darüber hinaus viele Aufgaben. Sie leiten die Wiederbesetzung von Gemeindepfarrstellen mit einer Sitzung im Kirchengemeinderat ein. Dann sind da die Visitationen von Bezirken und Einrichtungen, die Kontakte zur Kommunal- und Regionalpolitik sowie zu Kunst-, Bildungs- und Jugendeinrichtungen. Dazu kommt die Mitarbeit in Gremien, zum Beispiel im Kuratorium von Stift Urach, im epd-Aufsichtsrat oder im Stiftungsrat der Diakonissenanstalt. Auch die Prälatin von Ulm und die Prälaten in Reutlingen und Heilbronn wirken in zahlreichen Gremien von Werken und Einrichtungen mit. Auf diese Weise wird Kirche eben auch gelebt und erlebt.“

GA: „All´ diese Ämter habe ich ja noch gar nicht. Und wenn ich mir den Kalender für Dezember bis Februar 2017 anschaue...die Lücken werden immer weniger. Aber es gibt so viel Neues und Spannendes, auf das ich mich freue!“

UM: „Sie können sich aber - das ist das Schöne in diesem Amt - von Verwaltungsaufgaben entlasten lassen. Persönliche Akzente kommen dann ganz von alleine.“

GA: „Ich bin auf jeden Fall gespannt und voller Erwartungsfreude. Noch möchte ich einfach mir alles anschauen, Vieles und vor allem viele Menschen kennenlernen, offen und bereit sein für das, was Gott für mich vorgesehen hat. Und es wird bestimmt die Chance geben, eigene Schwerpunkte zu setzen.“

UM: „Ich erlebte am Anfang meiner Prälatenzeit viele Gottesdienste mit 40- oder 50-jährigem Kirchenjubiläum. Das hat in letzter Zeit deutlich abgenommen.“

GA: „Ja, und die Zahl der Wiedereinweihungsgottesdienste nach mehrjähriger Renovierungszeit nimmt dafür zu.“

UM: „Das Jahr 2017 mit der 500-Jahr-Feier der Reformation wird sehr viel Energie in der gesamten württembergischen Landeskirche binden und konzentrieren. Ich freue mich darauf.“

GA: „Ich weiß nicht, wie es an der Stiftskirche ist, aber mich berührt es ungemein, wie sich jede noch so kleine Dorfkirchengemeinde die unglaublichsten Dinge einfallen lässt, um die Reformation zu feiern.“

UM: „Das beobachte ich auch mit großer Hoffnung. Die Stiftskirche spielt bei diesem Jubiläum natürlich landesweit eine zentrale Rolle. Ich halte dabei für unsere Kirche insgesamt zwei Fragen für wichtig: Zuerst: Was feiern wir eigentlich im Jahr 2017? Ich vermute, uns würde der bunte Strauß an Antworten überraschen, wenn wir jetzt auf der Königstraße Passanten fragen würden. Wird es uns gelingen zu zeigen: Martin Luther hat das Evangelium von der Gnade Gottes wieder entdeckt? Er hat neu beschrieben, wer Jesus Christus für uns ist. Dass dies im Jubiläum deutlich wird, hoffe ich. Und die zweite Frage: Welche Bedeutung hat die Bibel für unsere Gemeinden und für jeden Christen? Ich wünsche mir eine neue Lust an und mit der Bibel. Es war in früheren Jahren das Kennzeichen vieler evangelischer Christen, mit und aus der Bibel zu leben. Sie birgt einen solchen Schatz an Orientierung und Zuspruch, an Warnung und Trost, dass ein Leben nicht ausreicht, um ihn zu heben. Ich hoffe, dass viele Gemeinden neue Formen von Bibelabenden, Bibelkursen und ähnliches finden und so die Freude an der Bibel wieder wächst.“

GA: „Das sehe ich genauso. Ich betrachte es als kirchengesellschaftliche und -politische Aufgabe, Menschen neu und wieder für den Glauben und die Kirche zu gewinnen. Wir brauchen meiner Ansicht nach bei morgendlichen Besinnungsgesprächen keine Buddha-Zitate – die Bibel beinhaltet alles, was nötig ist. Und was Ihre erste Frage anbelangt: Entscheidend ist für mich, dass wir im kommenden Jahr nicht die Person Martin Luther feiern. Sondern Gott. Und Gottes Wort. Und die Freiheit, die jede und jeder hat, einen eigenen Weg zu Gott und mit Gott zu finden und zu gestalten. Für viele Menschen ist der Glaube heute nicht mehr selbstverständlich. Aber die Menschen haben Sehnsucht danach zu spüren, dass sie bei Gott wertvoll und willkommen sind. Das dürfen wir als Kirche leben. Deswegen finde ich es so wichtig sorgfältig zu hören und zu fragen was Menschen brauchen. Besonders bei Taufen, Trauungen und Beerdigungen haben wir die Chance auch die zu erreichen, die der Kirche eher distanziert gegenüberstehen. Hier sensibel und einladend zu sein halte ich für zentral. Und ich weiß, dass sehr viele Kolleginnen und Kollegen auf diese Gottesdienste große Sorgfalt verwenden. Auch Kirchenmusik erreicht Menschen ganz direkt. Deswegen ist sie so wichtig. Und unsere Arbeit mit Konfirmandinnen und Konfirmanden baut Glaubensbrücken in die Zukunft. Wenn ich weiter daran denke, wie wichtig gerade jetzt das Engagement und das Zeugnis vieler Ehrenamtlicher etwa in der Asylarbeit ist. Das wird auch politisch wahrgenommen. Da wirken wir als Christen direkt in die Gesellschaft hinein.

UM: „Und dabei finde ich hoffnungsvoll, dass das Reformationsjubiläum über kirchliche Binnengrenzen hinweg schon in der Öffentlichkeit ankommt - nicht zuletzt in den Medien. Das ist wichtig und nötig. Als Kirche erleben wir die großen gesellschaftlichen Trends, die wir nicht einfach ändern können. Dazu gehören Individualisierung, Pluralisierung und Säkularisierung. Menschen gehören nicht mehr selbstverständlich zu einer Kirchengemeinde vor Ort. Viele stillen ihre religiösen Bedürfnisse auch andernorts. Zudem wird in Deutschland das Religiöse mehr und mehr ins Private verschoben. Da kann uns das Reformationsjubiläum ermutigen, unseren Glauben an Jesus Christus verständlich zu formulieren und auch mutig zu bekennen. Wir feiern das Jubiläum ja in einer auch weltpolitisch spannenden Zeit. Flüchtlinge kommen zu uns, viele davon sind Muslime. Sie wollen wissen, was wir glauben. Und Menschen in unserem Land fragen nach gemeinsamen Werten und Orientierung. Da sind wir gefragt.“

HoTe: Wenn am 31. Oktober 2016 Thesen an das Wittenberger Schlosskirchenportal geschlagen würden - wie würden sie lauten?

UM: „Eine ganz spannende Frage! Im Blick auf das Verhältnis zwischen der evangelischen und katholischen Kirche herrscht meiner Ansicht nach eine große Sehnsucht, aufeinander zuzugehen, einander zu verstehen und viel mehr nach der Einheit als nach Unterschieden zu suchen. Ich denke, eine der Thesen würde lauten, dass in unserer Zeit das gemeinsame Christusbekenntnis laut werden muss.“

GA: „Eine These, die mir wichtig wäre könnte lauten: 'Gott loben und für Gerechtigkeit einzutreten, gehört ganz untrennbar zusammen. Gott ist Partei für die Armen.' Und eine zweite These: 'Gott spricht zu jedem in seiner/ ihrer Prägung. Dafür müssen wir wieder viel sensibler werden und uns von Denkblockaden befreien. Gott spricht durch Hipp Hopp und durch Johann Sebastian Bach, durch Lobpreislieder und durch Paul Gerhard und vielleicht auch ganz profan. Wir müssen es nur neu entdecken.'“

Anmerkung der Redaktion:
Gabriele Arnold wird am 1. Advent 2016 in ihr Amt eingeführt. Danach werden wir ihren Lebenslauf in Stichworten sowie ihre Kontaktdaten veröffentlichen.

Gemeindebrief

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