Evangelische Stiftskirche Stuttgart

Mitten im Leben

„Meine Schlosskirche!"

Hartmut Ritter: Mesner an einem Stuttgart Juwel

(23.02.2017) Ungewöhnlich geschäftig geht es an diesem Mittwochmittag in der Schlosskirche zu. Nicht nur, dass in der Toilette Fliesen abgeschlagen und neue verlegt werden. Mittwochsnachmittags ist die sonst geschlossene Kirche zur Besichtigung offen. Viele Gäste betreten den gut geheizten Kirchenraum und schauen. Ehrfürchtig, neugierig, suchend, wissend. Jeder auf seine Weise.

Ritter„Hallo Herr Ritter! Wir kommen nur rasch zum Ausmessen vorbei, das ist doch in Ordnung, oder?“ Pfarrer Dr. Wolfgang Schöllkopf hat zwei Damen und einen Herrn mit Meterstab, Aktentaschen und Zeichnungen mitgebracht. Schließlich wird am 7. April 2017 die große Reformationsausstellung im ersten evangelischen Kirchenneubau Baden-Württembergs eröffnet. Und da die Schlosskirche zwar heimelig, aber auch verspielt wirkt und zu der niedrigen Deckenhöhe unter der Empore noch ziemlich viele Winkel und Holzpfeiler ihr eigen nennt, stellt der Kirchenraum für den Pfarrer und Kirchenhistoriker Dr. Schöllkopf als Ausstellungsmacher eine größere Herausforderung dar. Oben auf der Empore wäre die Ausstellungsfläche ideal. Zumal hier – an der Westwand der Empore – auch die zwölf Steinplatten des ursprünglichen Altars der Schlosskirche angebracht sind. Auf ihnen ist das protestantische Glaubensbekenntnis samt den dazugehörigen Inschriften auf Deutsch dargestellt. Entsprechend dem Grundgedanken der Reformation wäre es natürlich im Sinn einer Reformationsausstellung, wenn die Empore nun für die Besucher genutzt werden könnte. Aber Hartmut Ritter muss mit Bedauern kundtun, dass es sich aus diversen Gründen verbietet. Ob dann vielleicht eine der Steinplatten für die Ausstellung nach unten geschafft werden kann?

Für den Mesner der Schlosskirche, der zugleich zweiter Mesner der Stiftskirche Stuttgart und Hausmeister im Gemeindehaus der Stiftskirchengemeinde in der Urbanstraße ist, sind die Räume seines Hauptdienstes ein kostbares Juwel. Auf die Frage, welche Kirche ihm in Stuttgart am besten gefalle, kommt die Antwort prompt: „Meine Schlosskirche natürlich!“ Es erstaunt nicht, dass die Schlosskirche eine der beliebtesten Hochzeitskirchen der Landeshauptstadt ist. Bis zu 50 Hochzeiten und Taufen gibt es im Jahr. Sechs Gemeinden feiern regelmäßig Gottesdienste in der Schlosskirche. Man atmet Holz, Stein, Skulpturen und Geschichte ein, man glaubt den Geist und die Energien höfischer und geistlicher Größen zu spüren. Sonntags um zehn Uhr füllt sich der ehrwürdige Raum mit Kindergetrappel, flotter Klaviermusik und fröhlichem Schmettern, denn auch die Stiftsgemeinde nutzt die Schlosskirche regelmäßig – für ihren Kindergottesdienst. Dass die dichte Belegung durch die verschiedenen Gemeinden reibungslos klappt, ist das Verdienst und die (sonn)tägliche Aufgabe von Hartmut Ritter.

Die Schlosskirche war es auch, die dem ihm den Abschied von seiner Geburtsstadt Sangerhausen im Jahr 2004 erleichtert hat. Fast 44 Jahre lang hatte er in der mittelgroßen Stadt im Südzipfel Sachsen-Anhalts an der Grenze zu Thüringen gelebt und im Einkauf eines Bauunternehmens malocht. Zwölf-Stunden-Tage und Samstagsarbeit waren normal. Für Spaziergänge durch Sangerhausens wunderschönes Europa-Rosarium blieb keine Zeit. Die Kleinkindphase seiner beiden zwischenzeitlich erwachsenen Töchter hat er nur am Rande mitbekommen, was ihn bis heute ärgert.

Irgendwann spürte er, dass sich etwas ändern musste. Nein – dass er etwas ändern musste. Und so kam es ihm gelegen, dass seine Schwiegermutter, Pfarrerin in Stendal, die Stellenausschreibung der Gesamtkirchengemeinde Stuttgart entdeckte. Hartmut Ritter fuhr nach Stuttgart, und direkt im Anschluss an das Vorstellungsgespräch sagte der damalige Pfarrer Bittighofer zu ihm: „Sie sind der Richtige – genau Sie brauchen wir!“ Für Hartmut Ritter war das wie ein Schock; ein erfreulicher zwar, aber dennoch einer, an den er einen dreimonatigen Verdauungszyklus anschloss. Seine Frau war da pragmatischer. „Stuttgart? Warum nicht?!“ sprach sie und fand blitzschnell eine Anstellung in einer Kita.

Die Schlosskirche war es, die Hartmut Ritter schließlich mit dem Abschied von Mutter und vier Geschwistern in der Heimat versöhnte. Mitten im Herzen eines vierflügeligen Renaissance-Schlosses für eine Kirche mitverantwortlich zu sein, die vor der Reformation die Brunnenkapelle der Burg mitten in Stuttgart gewesen war, bedeutet ihm seit gut zwölf Jahren eine Menge. Er liebt die Verantwortung für „seine Schlosskirche“ – und das ist wichtig; sind die Zuständigkeiten für die kleine Kirche doch recht komplex.

Die Gesamtkirchengemeinde hat die Kirchenräume vom Land gemietet. Fallen also – wie zur Zeit – Bauarbeiten an, müssen die Rechts- und Sachlage mit dem Bauamt, mit der Landeshauptstadt und der Gesamtkirchengemeinde abgesprochen werden. Umso mehr schätzt er es, seinen unmittelbaren Vorgesetzten Dekan Sören Schwesig, aber auch den Stiftspfarrer Matthias Vosseler und den ersten Mesner der Stiftskirche, Markus Friedrich, rasch ans Telefon zu bekommen, wenn Einzelfragen keinen Aufschub dulden. Wie viele das gerade im Jahr des 500. Reformationsjubiläums sind, kann sich ein Außenstehender kaum vorstellen. Und dann kommt noch die Stiftsmusik dazu: Proben von „Stiftsmusik für alle“, Proben und Konzerte von „Bach Vokal“ und natürlich die regelmäßige Proben- und Stimmbildungsarbeit der Stuttgarter Kantorei. Mit Gabriele Zerweck und dem Stiftskantor Kay Johannsen bestens auszukommen, fällt Hartmut Ritter leicht; die Zusammenarbeit sei hervorragend, erzählt er.

Was ihm an seinem Beruf am allerbesten gefällt, sind die Hochzeiten, bei denen er Vorgespräche mit dem Brautpaar, dem Pfarrer, dem Organisten und manchmal sogar dem Floristen führt. Wenn er dann das Paar am Tag des Traugottesdienstes sieht, fasziniert ihn, wie Braut und Bräutigam fast jedes Mal in einer ganz eigenen Welt zu sein scheinen. „Das ist immer wieder faszinierend“, sagt er und lächelt. Hochzeiten mit Medienrummel schätzt er weniger. Irgendwie passen die auch weder zu der Kirche noch zu der besonderen Atmosphäre im Innenhof des Schlosses.

Um den Menschen Hartmut Ritter ein kleines bisschen kennenzulernen, haben wir ihm sieben Fragen gestellt, die er spontan aus dem Bauch heraus beantwortete:

Berge oder Meer im Urlaub?
„Ganz klar Wasser: Meer, Seen, Flüsse. Wasser muss sein!“

Hummer oder Spaghetti?
„Thüringer Rostbratwurst!“

Lieblingsessen im Winter?
„Alle Suppen meiner Mutter; leider ist sie im Jahr 2014 verstorben...“

Whiskey oder Champagner?
„Kaffee!“

Flieger oder Zug?
„Auf jeden Fall mein Auto; und in der Innenstadt mein Fahrrad.“

Rom oder Oslo?
„Keine Stadt, sondern zwei Orte: die Porta Nigra in Trier und die Walhalla bei Regensburg. Was für phantastische Gebäude...“

Was bedeutet es für Sie, Ihre Arbeitsstätte in einer Kirche zu haben?
„Für mich ist eine Kirche eine Begegnungsstätte der besonderen Art; hier sind besondere Gespräche mit Menschen - auch unterschiedlicher Konfessionen – möglich. Und dann finde ich natürlich die vielfältigen Aufgaben direkt im Hause unseres Herrn wichtig und - auch für mich - bereichernd.

Gemeindebrief

Den aktuellen Gemeindebrief der Stiftsgemeinde Stuttgart ansehen oder herunterladen (PDF-Datei).
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