Hanne Braun – Kirchengemeinderätin seit über vier Jahrzehnten

Zurzeit ist sie ein bisschen gebremst unterwegs. Das Knie ärgert sich, weil Hanne Braun im Januar im Treppenhaus des Gemeindehauses an -zig andere Aufgaben dachte und dabei vergaß, auch auf die Stufen und ihre Füße zu schauen. Jetzt hat sich ihr Knie einen Stock zur Hilfe geholt, und die beiden bremsen Hanne Braun aus. Zumindest wenn´s über das Pflaster vor der Stiftskirche geht. Ansonsten kann man diese Frau eigentlich nicht bremsen. Zum Glück!

Bild Hanne Braun
Mit ihrem Dreivierteljahrhundert Lebenserfahrung ist sie das älteste und zugleich dienstälteste Mitglied des Kirchengemeinderates; seit 1969 ist sie dabei, also seit 48 Jahren, wahrscheinlich ein Rekord in Württemberg! Weit mehr als die Hälfte ihres Lebens hat sie sich ehrenamtlich im Kirchengemeinderat der Stiftskirchengemeinde Stuttgart engagiert. Gibt es da überhaupt noch etwas, was ihr besonders am Herzen liegt, oder ist zwischenzeitlich alles Routine?

Hanne Braun lacht. Routine ist nicht ihr Ding. Das kann auch gar nicht sein: Seit 37 Jahren ist sie für den Verein für Internationale Jugendarbeit – eine Arbeitsgemeinschaft evangelischer Frauen – tätig. Und das ist immer noch so, obwohl sie offiziell vor 13 Jahren in „Ruhestand“ ging.

Der Verein war vor 130 Jahren zur Begleitung und Beratung von jungen Frauen gegründet worden, die aus dem Ausland kamen oder dorthin gehen wollten. Er führt ein Mädchenwohnheim im Bereich der Stiftskirchengemeinde. Junge Frauen lebten hier geschützt und doch selbständig, um einen Rückzugsort zu haben, wenn sie sich alleine in das Abenteuer Deutschland stürzten. Deshalb gehört auch die Arbeit der Bahnhofsmission zu den zentralen Aufgaben des Vereins. Mit der veränderten Nachfrage ab 1962 erweiterten sich die Aufgaben des Vereins: Damals kamen die ersten Griechinnen als Migrantinnen nach Deutschland. Später folgten andere Nationen, ein Fraueninformationszentrum (FIZ) wurde entwickelt.

Im Projekt „Fair care“ – einem Beratungszentrum für Betreuungskräfte aus Osteuropa – werden Frauen aus dem Ausland zu Betreuungsbedürftigen vermittelt. So haben die Betreuungskräfte die Chance, einer sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit nachzugehen und Rentenansprüche aufzubauen. „Die Betreuten sind richtig dankbar, und die Betreuerinnen auch; das ist eine klassische Win-Win-Situation“, sagt Hanne Braun dazu.

Sie spricht nicht nur schwäbisch, sondern kommuniziert auf Englisch und Griechisch mit der halben Welt. Das Netzwerk, in das auch die evangelischen Gemeinden von Athen und Thessaloniki hineingeknüpft sind, ist unter anderem ihr Verdienst. Auch mit einigen Sätzen auf Russisch, Thailändisch und Arabisch geht sie direkt auf Menschen zu und agiert damit wie ein Scharnier zwischen diesen Menschen und der Gemeinde. So nutzt sie ihre Überzeugungskunst dazu, dass Mitglieder der Arabischen Gemeinde auf dem Sommerfest der Stiftskirchengemeinde musizieren, singen und tanzen. Vielleicht engagiert sich die gelernte Sozialarbeiterin deshalb so mit Herz und Verstand für Flüchtlinge und Migranten, weil sie noch immer dankbar dafür ist, dass ihr Vater – in Indonesien geboren und später evangelischer Pfarrer – während des Krieges von Gefangenschaft, Kriegsversehrtheit oder gar Tod verschont blieb.

Mit ihren fünf Geschwistern empfindet sie einen starken Zusammenhalt und bildet eine funktionierende Gemeinschaft. „Frieden im Innen und im Außen, ein guter Zusammenhalt sind so wichtig“, sagt sie leise und ernst. Genau diese Dankbarkeit trägt sie in jeden Tag hinein.

„Man fragt sich schon hin und wieder, ob man auch wirklich das Richtige bewirkt hat“, sagt Hanne Braun nachdenklich. Eine erste Irritation des Zuhörers verschwindet rasch – so glasklar und spürbar echt fließen die Gedanken aus ihr heraus. Nicht alles, was sie anpacken, umsetzen und ohne Bedenkenträger oder Kritiker sichtbar machen möchte, hat geklappt. Und manches hat sie getan, weil es sonst niemand gemacht hätte.

„Frau Bittighofer hat früher den Seniorenkreis betreut – ja, und als der nächste Pfarrer dann keine Frau hatte, hab´ ich´s halt übernommen“. Dass ihr just diese Aufgabe zwischenzeitlich auch sehr ans Herz gewachsen ist, ist selbstverständlich. Ein Treffen der Senioren vorzubereiten, kostet bei aller scheinbaren Leichtigkeit ebenso gründliche Vorbereitung.

Dass sie Langeweile nicht kennt, ist plausibel. Macht sie auch mal Urlaub? „Ja, im August, dann lasse ich mein Knie im Diakonieklinikum operieren.“ Aha – Urlaub...nun ja, zumindest verbringt sie diesen „Urlaub“ in der Klinik, in der sie vor gut 75 Jahren geboren wurde; damals trug sie noch den Namen „Wilhelmsspital“.

Politik und Geschichte im Kleinsten und im Großen interessieren die gebürtige Stuttgarterin lebhaft. Unkorrektheiten und Ungerechtigkeiten sind ihr ein Gräuel. Vorurteile oder Bedenken versucht sie in „Aha“-Erlebnisse umzuwandeln. Dass ihr das beispielsweise bei den Vorbereitungen zum Evangelischen Kirchentag vor zwei Jahren gut gelungen ist, freut sie. Damals war sie mehrere Monate lang damit beschäftigt, gemeinsam mit einer Prädikantin Privatunterkünfte zu suchen. Für eines der Fotos legte sie sich sogar in einem Schlafanzug auf eine der blauen Sitzbänke der Stiftskirche und riskierte den leisen Spott Andersdenkender. Aber sie hatte Erfolg. Einige Menschen bedankten sich sogar ausdrücklich, dass sie sie zur Aufnahme von meist ausländischen Gästen animiert hatte, weil ohne ihre Hartnäckigkeit diese neuen Freundschaften nicht entstanden wären.

Humor, Wissbegierde und Hartnäckigkeit sind das eine – eine große Portion Gottvertrauen das andere, mit dem die 75jährige reich gesegnet ist. Dazu erwähnt sie zwei völlig unterschiedliche „politische“ Ereignisse. Das eine betraf die Absage des Staatsaktes zu Ehren von Hanns Martin Schleyer durch den Kirchengemeinderat der Stiftskirche, was für großen Wirbel sorgte. Das andere betraf eine Demonstration für arabische und syrische Menschen auf dem Schlossplatz mit einem vorhergehenden Gottesdienst in der Stiftskirche, bei dem es für den Ordnungsdienst am Hauptportal der Stiftskirche gefährlich zu werden drohte. Hanne Brauns Gottvertrauen wurde belohnt: „Wenn ich nur daran denke, wie 1500 Araber und Syrer in der Stiftskirche das Bonhoeffer-Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ auf Deutsch anstimmten, bekomme ich jetzt noch Gänsehaut. Das war ein Moment, den ich nie vergessen werde!“

Was wünscht sich eine Frau, die die Stiftskirchengemeinde so gut und lange kennt wie kaum jemand sonst? „Für die Stiftskirche wünsche ich mir mehr Offenheit, damit sich alle willkommen fühlen – Touristen und Laufkundschaft ebenso wie Gemeindemitglieder. Eine ständige Kaffeebar wäre toll. Ja – und ein Trauererinnerungsgottesdienst, der fehlt wirklich.“

Hanne Braun lebt jeden Tag mit der Bibel. Gibt es einen Vers oder einen Psalm, der sie trägt? „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“, antwortet sie ohne zu zögern. „Psalm 31,9 ist das. Und Psalm 23: Der Herr ist mein Hirte. Das berührt mich immer sehr. Und während meiner Tätigkeit als Sozialarbeiterin hat mich die Speisung der 5000 stets begleitet. Was für ein Beispiel für gerechtes Teilen!!“

Hanne Braun ist schon richtig in Stuttgart. Das zeigt auch, dass ein Haus in der Urbanstraße nach ihr benannt ist. „Und das, obwohl ich noch lebe!“ schmunzelt sie und erzählt die Anekdote, als Bekannte den „Becher“ verlassen und das Namensschild gesehen hätten. „Meine Güte, ist die Hanne Braun gestorben?“ fragten sie erst sich selbst und dann im Freundeskreis. Nein, sie lebt. Und ist lebendig. Im Verein für Internationale Jugendarbeit, in dem Verein „YWCA“ (Young Women’s Christian Association), für den sie zwar nicht mehr als Präsidentin, aber noch immer als „Vereinsflüsterin“ arbeitet – ja, und eben in der Stiftskirchengemeinde. Auf dem Sofa sitzen und fernsehen kann sie noch, wenn sie mal älter ist. Vielleicht ist es in 25 Jahren soweit. Aber nur vielleicht.

Und hier noch ein paar ganz persönliche Vorlieben von Hanne Braun:

Lieblingsessen?
Linsen mit Spätzle, Maultaschen, Curry, indonesische Reistafel.

Lieblingsgetränk?
Ein kühler Rosé.

Lieblings-Urlaubsland:
Griechenland natürlich!

Lieblingskomponist:
Mikis Theodorakis.

Lieblingsdichter/-dichterin?
Mascha Kaléko.

Lieblingsstäffele in Stuttgart:
Klar – die Eugensstaffel bis hinauf zur Galathea.

 

Foto: Elisabeth Braun