Kirchenpflegerin Heike Schmidt im Gespräch

Pflegt eine Kirchenpflegerin wirklich die Kirche?

Frau Schmidt, als Kirchenpflegerin hegen und pflegen Sie unsere Stiftskirche liebevoll – richtig?

Hier stellt sich mir gleich eine andere Frage: „Was ist Kirche?“ Ist es nur das Gebäude oder ist Kirche ausschließlich die Gemeinschaft der Gläubigen? Natürlich ist „Kirche“ beides. Aber die Gebäude bekommen ja ihre Bedeutung erst durch das, was darin stattfindet. Daher ist die Kirchenpflegerin eher dafür verantwortlich, den Rahmen bereitzustellen und zu „pflegen“, in dem sich die lebendigen Steine zum Haus Gottes fügen können, Gemeinde Heimat finden kann. „Kirchenpflege“ ist daher für mich so eine Art „Heimatpflege“.

Was verbirgt sich tatsächlich hinter dem Tun einer Kirchenpflegerin?

Eine Kirchenpflegerin macht die Buchhaltung für die Gemeinde, sie zahlt die Rechnungen, erstellt Spendenbescheinigungen, den Haushaltsplan und die Jahresrechnung. Außerdem ist sie stimmberechtigtes Mitglied im Kirchengemeinderat. Es gehört auch dazu, die der Gemeinde gehörenden Mietwohnungen zu verwalten. Ein Kirchenpfleger muss den Kirchengemeinderat über alle Rechts-, Verwaltungs- und Vermögensangelegenheiten informieren und beraten. Für Bau- oder Renovierungsarbeiten und die dafür erforderlichen Gespräche mit den Architekten und Handwerkern ist neben dem Kirchengemeinderat der Kirchenpfleger verantwortlich. Außerdem ist man für die Kassen- und Rechnungsführung zuständig und muss zusammen mit der Verwaltungsstelle des Kirchenbezirks den jährlichen Haushaltsplan aufstellen und die Jahresrechnung erstellen.

Das klingt nach vielen Zahlen, Daten, Fakten, Tabellen …

Genau. Und dabei muss man so sparsam wie nötig und so großzügig wie möglich sein; sonst kann man nicht nachhaltig wirtschaften.

151101 heike schmidt redWie wird man Kirchenpflegerin?

Bei mir war es so, dass im Jahr 2005 Herr Bittighofer im Rahmen eines Besuchs bei uns feststellte, dass ich offensichtlich für Verwaltung und Finanzen eine Begabung habe, und so fragte er, ob ich mir vorstellen könne, nach der Zurruhesetzung Herrn Alius´dessen Aufgabe wahrzunehmen. Also stellte ich mich dem Kirchengemeinderat vor, wurde gewählt und nach dem Kirchengemeinderatsbeschluss ins Amt eingesetzt.

Das klingt so als ob Sie mit einem großen Etat umgehen können; wie groß ist er?

Alleine wenn Sie an die Stiftskirche denken, wie viel Strom, wie viele Heizkosten gerade in den kalten Monaten nötig sind, um die Kirche für Besucher Tag für Tag offen zu halten, ist das ein beachtlicher Betrag. Dann kommen andere Positionen dazu: Herrn Restins Team mit dem Infostand, die Konzertkarten – es sind unglaublich viele Einzelpositionen, die hier hineinspielen. Wir als Kirchengemeinde haben auch einige Immobilien und Eigentumswohnungen, in die natürlich investiert, die instandgehalten werden müssen. Die Summe des Gesamthaushalts 2017, der zuletzt für die Gemeindeglieder auslag, beträgt 347.760,00 EUR .

Wie viele Stunden in der Woche verbringen Sie gedanklich oder tatsächlich für Ihr Engagement?

Für zwölf Wochenstunden dieser Arbeit werde ich bezahlt. Darüber hinaus gibt es aber jeden Tag irgendwelche Interaktionen, bei denen ich telefonisch Kontakt mit Baubehörden, mit der Gesamtkirchengemeinde, mit den Mesnern und so weiter aufnehmen muss.

Ihr Mann Ludger Schmidt engagiert sich mit architektonischem Sachverstand und kultureller, erzählerischer und photographischer Leidenschaft für die Stiftskirche. Entwickeln Sie Ihr Engagement für die Stiftskirchengemeinde als Paar? Diskutieren Sie viel?

Also: wir haben drei Kinder. Und jeder von uns hat seinen Beruf. Sie können sich vorstellen, dass deshalb wenig Zeit zum Diskutieren bleibt. Aber natürlich wird auch beim Abendessen mal über den Pfarrplan gesprochen, oder wir reden über ein Renovierungsvorhaben. Insgesamt unterstützen wir uns mit unseren unterschiedlichen Gaben und Fähigkeiten sehr. Schließlich liegt uns beiden die Gemeinde am Herzen. Ich kenne die Stiftskirche seit gefühlt 100 Jahren, und sie ist mir wichtig. Wir haben ein Kirchengebäude mit Kunstwerken, die „predigen“. Das ist eine große Chance, um die frohe Botschaft weiterzusagen.

Tragen Sie nicht eine sehr große Verantwortung?

Letztlich liegt die Verantwortung beim Kirchengemeinderat. Ganz wichtig ist mir dabei die laufende Beratung und Abstimmung aller Angelegenheiten mit den Kirchengemeinderäten. Auch müssen alle Rechnungen im Sinne einer internen Kontrolle von einem der Vorsitzenden gegengezeichnet werden. Und einmal im Jahr bekomme ich Besuch von dem mit der Rechnungsprüfung beauftragten Kirchengemeinderat.

Sind Sie ausschließlich Kirchenpflegerin oder auch Kirchengemeinderätin?

Als Kirchenpflegerin nehme ich kraft Amtes an den Sitzungen des Kirchengemeinderates mit Stimmrecht teil. Sie müssen das so sehen: Der Kirchengemeinderat wird von den Gemeindegliedern gewählt – und das Gremium hat mich gewählt.

Was verstehen Sie unter einer lebendigen Kirchengemeinde?

Eine Gemeinde, in der Jesus Christus als der auferstandene Gottessohn die Mitte ist. Menschen, die sich um ihn und wegen ihm sammeln, um ihm immer ähnlicher zu werden. Es ist auch eine Gemeinde, die das Evangelium nach außen trägt. Ich denke da gerne auch an das Gebetskonzert mit Christoph Zehendner.

Gibt es einen Psalm oder einen anderen Bibelvers, der Sie trägt?

Psalm 32,8, mein Konfirmationsspruch: „Ich will dich unterweisen und Dir den Weg zeigen, den Du gehen sollst; ich will Dich mit meinen Augen leiten.“

Jedes Jahr stehen jedem von uns 31.536.000 Sekunden zur Verfügung. Wofür haben Sie als Kirchenpflegerin 2017 bislang am meisten Zeit aufgewandt?

Das messe ich eigentlich nicht - und schon gar nicht in Sekunden. Es kostet viel Zeit, wenn es ein Bauprojekt zu betreuen gibt, wie zuletzt der Umbau im Gemeindehaus, was glücklicherweise nicht so oft vorkommt. Entscheidend ist, dass man sinnvoll und bewusst mit seiner Zeit umgeht.

Wofür sind Sie dankbar?

Ich bin vor allem dankbar für die vielen Möglichkeiten, die wir in der Stadtmitte haben, um für Menschen da zu sein. Als Beispiele möchte ich den Kindertag nennen, die Seelsorge, das Mittagsgebet, die Kurzgottesdienste …. für alles, was dem Leben dient – außerhalb des rein Musealen ….

Was wünschen Sie sich persönlich und für die Stiftskirchengemeinde Stuttgart?

Ich wünsche mir, dass die Stiftsgemeinde immer mehr eine lebendige Gemeinde wird, Jesus als ihrem Herrn treu bleibt, und trotz aller Bedrängnisse durch die viel zu sehr von den Finanz- und Verwaltungsleuten bestimmte Landeskirche ihrer Identität und ihrem Auftrag treu bleibt. Kirche lebt ja von einer Verheißung – sie ist „Leib Christi“ - und nicht vom Geld.

Verraten Sie uns noch ein paar persönliche Dinge über Heike Schmidt?

Rotwein oder Weißwein?
Gegen ein Gläschen Rosé ist nichts einzuwenden, aber wie herrlich ist frisches, klares Wasser!

Saure Nierle oder Matjesbrötchen?
Rahmschnitzel mit Spätzle und Salat!

Auto oder ÖPNV?
Wir nutzen beides – ganz nach Bedarf.

Bach oder Cro?
Bach und Mendelssohn!

Musizieren Sie selbst?
Ich singe in der Stuttgarter Kantorei und spiele gerne Klavier; zur Zeit begleite ich unseren Jüngsten, wenn er auf der Geige spielt.

Berge oder Meer?
Meine Familie fährt gerne ans Meer, am liebsten nach Südfrankreich bei Aigues-Mortes, aber wenn ich an frühere Freizeiten im Kleinwalsertal denke …. ja, die Berge haben wirklich auch etwas Faszinierendes.

Lieblingsfarbe?
Es kommt auf die Stimmung und auf die Jahreszeit an.

Lieblingsbuch?
Lynn Austins Romane – die Mischung aus Historischem und Gesellschaftlichen fasziniert mich.

Wo entspannen Sie sich?
Im Alltag? Da gehe ich gerne in unseren Garten – auch zum Werkeln!

Herzlichen Dank, Frau Schmidt!