Evangelische Stiftskirche Stuttgart

Mitten im Leben

Mesner aus Berufung - Ernst und Hanna Friedrich

Ernst und Hanna Friedrich – ein Portrait

(28.01.2018) Wohlige Wärme und der Duft nach frischem Kaffee strömen einem entgegen, wenn man die Schwelle zu ihrer Wohnung überschreitet. Das Ehepaar Ernst und Hanna Friedrich lebt eine Gastfreundlichkeit, die in dieser hektischen Zeit ihresgleichen sucht. 18 Jahre lang sind beide nun schon im „Ruhestand“. Zehn Jahre lang hatte Ernst Friedrich als Mesner der Stiftskirche Stuttgart einen Vollzeitjob, der nicht montags um 8 Uhr begann und am Freitag um 14 Uhr endete, sondern der ihn oft sieben Tage in der Woche auf den Beinen hielt. Die letzten fünf dieser zehn Jahre war Hanna Friedrich als Mesnerin der Schlosskirche ebenfalls in Vollzeit beschäftigt.

180126 Ehepaar Friedrich
Seine Gesundheit hatte Ernst Friedrich zu diesem Beruf - seiner Berufung - geführt. Venenprobleme waren der Grund dafür gewesen, die Arbeit bei Daimler aufzugeben, denn diese konnte er ausschließlich im Stehen verrichten. Die Ärzte rieten ihm, sich einen Beruf zu suchen, der mit viel Bewegung verbunden war. Ja – und so begann er in der Verwaltung des Evangelischen Ferienwaldheimes in Stuttgart-Untertürkheim, wo er im Jahr 1969 die noch immer gut erhaltene Minigolfanlage in Eigenleistung errichtete. Ende der 70-er Jahre wurde er Hausmeister beim CVJM Stuttgart in der Büchsenstraße, und – kein Scherz - am 1. April 1990 begann er seinen Dienst als Mesner der Stiftskirche und trat damit die Nachfolge von Helmut Hinz an. Seinen Vor-Vorgänger Otto Schurr hatte das Ehepaar Friedrich bereits in den 60-er Jahren kennen- und schätzen gelernt.

Mesner zu sein – das war Bürde, aber mit Würde. „Als von 1936 bis etwa 1956 der erste Mesner Franz Steeger tätig war, trug dieser während der Festgottesdienste einen Frack!“ erzählt Hanna Friedrich. Ernst Friedrich nickt lächelnd: „Während unserer Zeit reichten Anzug und Kostüm aber auch.“ Die Zeiten ändern sich; wobei eines bleibt: Der Dienst an Gott und an Gottes Gebäude gebietet Respekt; er ist etwas Würdevolles und Wertvolles. Zu dieser inneren Haltung darf man stehen, sie darf man auch nach außen zeigen.

Ein gelernter Maurer in einem der bedeutendsten Kirchengebäude Baden-Württembergs – idealer könnte man sich die symbiotische Beziehung zwischen Mesner und Stiftskirche kaum vorstellen, auch wenn Ernst Friedrich betont: „Heute könnte ich es nicht mehr machen. Diese ganze Technik! Alles wird über das iPad gesteuert.“ Der gebürtige Kehler brachte damals andere Fähigkeiten mit: erste praktische Berufserfahrung sammelte er in Straßburg, bevor Charles de Gaulle die Vergünstigungen abschaffte, die es Nordbadenern reizvoll erscheinen ließ, zur Arbeit nach Frankreich zu radeln. Also fuhr Ernst Friedrich mit seinem Fahrrad von Kehl nach Stuttgart zur damaligen MF Wachter AG, die in der Nähe des heutigen Killesbergturms stand. Einige Jahre später ging´s zur Firma Sanwald und danach zu Daimler. Während dieser beruflichen Wechsel hatte er stets zwei Prioritäten im Kopf: seinen Glauben, zu dem er Anfang der 60er Jahre über Billy Graham gekommen war, und seine Familie, deren Ernährer er war.

„Früher war es so: der Mann brachte das Geld nach Hause, die Frau kümmerte sich um Haushalt, Essen, um die Kinder und darum, dass alles läuft“, erzählt Hanna Friedrich. „So war es, und so war es auch gut“, nickt Ernst Friedrich. Für ihn war es selbstverständlich, für seine Frau und beide Söhne zu sorgen.

Hanna Friedrich, in der Nähe von Thorn auf einem großen Bauernhof aufgewachsen, hatten Flucht und Vertreibung aus Westpreußen zunächst nach Pommern und Mecklenburg geführt, bevor die Familie in Norddeutschland wieder zusammenfand und sich dort eine neue Heimat schuf. Im Jahr 1953 wurde ein Wunsch Wirklichkeit: die noch sehr junge Hanna ging gemeinsam mit ihrer acht Jahre älteren Schwester ins Schwabenland. Vier Jahre lang lebten die beiden zusammen in einem winzigen Zimmer mit einem einzigen schmalen Bett. So viel Nähe schweißt im Idealfall zusammen, lässt einen aber auf der anderen Seite auch verzagen, wenn es darum geht, ungewohntes Alleinsein auszuhalten: Als ihre Schwester 1957 Stuttgart verließ und nach Lamstedt/Niederelbe zurückzog, war der Trennungsschmerz groß. Akkordeon- und Gitarrenunterricht lenkten sie davon ein bisschen ab. Und dann lernte sie Ernst kennen.

Viele sportliche Hobbies haben die beiden und pflegen sie seit Jahrzehnten: zum einen gibt es das Tischtennis und dann natürlich ihre Räder. „Was wären wir ohne Fahrrad?“ fragen sie sich häufig. Ja – und dann gilt ihre gemeinsame Liebe noch immer dem Minigolfplatz des CVJM Untertürkheim, den sie um ihren zehnten Hochzeitstag herum errichteten, und dem Volleyball, das sie als Familie spielten. „Wenn wir kommendes Jahr noch leben dürfen und gesund sind, dann gibt es ein großes Fest anlässlich des 50. Geburtstages des Minigolfplatzes!“ Mit diesen Worten und Siegfried Fietz´ Liedtext „Ich lad´ Dich ein zu einem Kaffee“ drücken sie einem die Einladung für kommendes Jahr schon ´mal in die Hand.

Nähe und Gespräche sind Hanna Friedrich bis heute immens wichtig. „Da unterscheiden wir beide uns völlig“, lacht sie: „Mein Mann ist eher ein Einzelgänger, ich liebe Gesellschaft!“ Auch vom Temperament her ergänzen sich die beiden prima: sie ist ständig auf Achse, in der Wohnung, im Gemeindehaus der Stiftskirche, bei Seniorennachmittagen, in der Stadt, zu Fuß, mit Fahrrad, mit Auto. Er – ja, „er ist wie ein Baum“, sagt sie. Ihn wirft scheinbar nichts um. Auf so einen Menschen kann man sich verlassen, man kann sich an ihn lehnen, er hält Sturm und Überschwemmung stand.

Dass stürmische Tage und Nächte – auch solche voller Verzweiflung - in fast 59 Ehejahren auch dazu gehören, ist beiden klar. „Schon wieder umziehen? Bitte nicht!“ war Hanna Friedrichs erste Reaktion, als sie mit 56 Jahren erfuhr, dass ihr Mann für die Mesnerstelle angeworben wurde. Zu oft hatte sie ihr Nest schon verlassen müssen, zu oft neu begonnen. Er schaute sich die Wohnung im Gemeindehaus der Urbanstraße an und wusste gleich, was renoviert und wie es schön gemütlich gemacht werden könnte. Natürlich zogen sie dann um. Und Hanna Friedrich assistierte ihrem Mann bei der Mesnertätigkeit. Vier Jahre später war sie selbst Mesnerin der Schlosskirche: „Mit 60 Jahren hatte ich plötzlich eine Vollzeitstelle!“ Die Überraschung und Freude, eine richtige Kollegin ihres Ehemannes zu werden, bringen sie heute noch zum Strahlen.

Sie trat in die Fußstapfen von Martin Hussner und Brigitte Allweier. In die ihren traten fünf Jahre später Frau Oelschläger-Crämer, Hilde Zeck und 2004 dann Hartmut Ritter. Über fünf Jahre hinweg lebte das Ehepaar den größten Teil des Tages für den Dienst an beiden Kirchengebäuden und an der Stiftskirchengemeinde. Mit dieser Disziplin und Leidenschaft sind die beiden Vorbilder. Sowohl der echte Sohn Markus als auch der vermeintliche Sohn Hartmut Ritter („ich werde gelegentlich nach meinem Sohn gefragt, und dann ist der Hartmut gemeint“, erzählt Hanna Friedrich lachend) leben dieses Zuverlässige, Bodenständige, Hilfsbereite weiter.

Als Mesner braucht man sehr viele Fähigkeiten: Stühle und Podeste für Chor und Orchester müssen auf- und abgebaut werden, Türschlösser, Fenster, Toiletten in der Unterkirche und Heizung müssen funktionieren, Beleuchtung und Glocken wollen bedient werden, die Sitzkissen sind ebenso daran interessiert, eingesammelt zu werden wie das Geld aus den Opferstöcken nach dem Gottesdienst - und die rund 800 Gesangbücher wollen repariert werden; das Parament an der Kanzel wechselt nicht von alleine, das Abendmahlsgeschirr, die Taufschale, Kerzen, Blumenschmuck und Liedangaben müssen arrangiert werden. „Am meisten werde ich aber wahrgenommen, wenn ich mit Besen, Schaufel und Eimer dastehe und die Außenanlage der Stiftskirche von Blättern befreie“, erzählt Hanna Friedrich; „daraus werden oft richtig gute Gespräche“. Dabei hat sie einmal sogar in der Schlosskirche einen Gottesdienst abgehalten, weil der vorgesehene Pfarrer nicht kam. „Das kann ich nicht“, dachte sie, bevor sie ein „Geh´ Du voran!“ vernahm. Zu ihrer Entlastung entschied der damalige Organist, dass die Lieder in diesem Gottesdienst mit allen Strophen gesungen werden würden; ein Gottesdienst ganz im Sinne Martin Luthers.

Schwierigkeiten gab es natürlich auch immer wieder: Vor einigen Jahren lag die gesamte Familie während der Weihnachtsfeiertage mit Grippe darnieder. „Das Fieberthermometer wurde ´rumgereicht, und bei wem es die niedrigste Temperatur anzeigte, der zog los“, erzählen die beiden. Ein anderes Mal kamen sie fast nicht zur Stiftskirche durch, weil die Stadt großräumige Sicherheitsabsperrungen für ein Radrennen aufgestellt hatte.

Die dunkelsten Stunden erlebten der Badener und die Westpreußin aber stets in den Wochen schwererer Krankheit. Psalmen und Lieder geben dann Halt: „Jeremia 31 hat mir durch die schwerste Dunkelheit geholfen“, sagt sie. Er richtet sich immer wieder an ihrem Trauspruch auf: „Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf den Herrn, dass ich verkündige all dein Tun.“ Ein Lötkolben hat Psalm 73, 28 in eine Baumscheibe gebrannt, die an einer Flurwand ihrer gemütlichen Wohnung hängt.

Zur Zeit singen sie morgens gemeinsam „Danke für diesen guten Morgen“. „Dankbarkeit spüren“ ist auch das, was beiden sofort einfällt, wenn sie sich überlegen, welche Wünsche sie für das Jahr 2018 haben. Und für „ihre“ beiden Kirchen wünschen sie sich „Frieden, ein gutes Miteinander zwischen allen Ehrenamtlichen, zwischen allen Strömen und dass nichts auseinanderfällt, so wie es in Römer 8, 31 bis 39 geschrieben steht.“

 

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