Evangelische Stiftskirche Stuttgart

Mitten im Leben

Gemeindeabend am 17. April 2018 - Prälatin Gabriele Arnold und Pfarrer Matthias Vosseler im Gespräch

(20.04.2018) Gespannte Erwartung liegt über der linken Hälfte des Hauptschiffs der Stiftskirche, die sich an diesem Dienstagabend dicht gefüllt hat. Auf der kleinen Bühne verraten zwei Bistrotische, dass es heute keine Kirchenmusik gibt und auch keinen klassischen Vortrag. Eingeladen wurde vielmehr zu einem besonderen Abend unter dem Motto „Frag Deinen Pfarrer, sprich mit Deiner Prälatin“.

Wie Stiftspfarrer Vosseler in seiner Begrüßung erläutert, haben die intensiv und teilweise kontrovers diskutierten Themen des letzten Jahres ihn nicht losgelassen, und so war um die Jahreswende die Idee zu diesem Abend entstanden.

Eingerahmt von einem Psalm zum Beginn und dem Vaterunser mit Segen zum Ausklang finden die vorab eingereichten Fragen Platz. Auf der Homepage, im Gemeindebrief und in Abkündigungen war dazu eingeladen worden, die beiden Theologen an der Stiftskirche über das zu befragen, was den Gemeindegliedern theologisch und/oder kirchenpolitisch am Herzen liegt. Über 40 Fragen sind es schließlich geworden, und die meisten kommen nun im Plenum auch zur Sprache. Stoff genug wäre das für mehr als einen Abend. Dem Moderatorenteam Hans-Peter Ehrlich, Stuttgarter Stadtdekan i.R., und Franziska Stocker-Schwarz, Leiterin der Württembergischen Bibelgesellschaft und des Bibelmuseums, kommt das Verdienst zu, dass alles in den anvisierten 90 Minuten seinen Platz findet. Auf Grund ihrer konzentrierten und souveränen Moderation – an dieser Stelle sei beiden dafür ganz herzlich gedankt! – ist sogar noch Zeit für ein halbes Dutzend Fragen aus dem Publikum, die im Verlauf des Abends gestellt und beantwortet werden.

Eröffnet wird die Runde mit zwei kurzen Beiträgen, in denen Stiftspfarrer Matthias Vosseler und Prälatin Gabriele Arnold prägnant zusammenfassen, was sie in ihrem Dienst und Leben geprägt hat und antreibt. Die mitunter sehr persönlichen Einblicke, die beide dabei gewähren, finden im Lauf des Abends in der einen oder anderen Antwort ihre Fortsetzung.

Gleich im ersten Fragenblock geht es um eines der in der Stiftskirche am lebhaftesten (man könnte auch sagen, am erbittertsten) diskutierten Themen des letzten Jahres, um die Schirmherrschaft der Prälatin für den Christopher Street Day. Auf den am CSD unmittelbar gegenüber der Stiftskirche aufgebauten Stand angesprochen, der den christlichen Glauben verunglimpfte, betont Arnold, dass sie bei der turnusgemäßen Abgabe der Schirmherrschaft deutlich ihre Enttäuschung und Verletzung über diesen Stand artikuliert habe, verbunden mit der Forderung an die Verantwortlichen des CSD, dass „Perspektivwechsel“, das Motto des CSD 2017, im Hinblick auf die Kirche auch eine Aufgabe für den CSD selbst werden müsse.

Dass sie die – vergleichsweise wenigen – Bibelstellen zur Homosexualität anders als die fragende Person deutet und nicht als Verbot homosexueller Lebensgemeinschaft sieht, wird aus ihrer nächsten Antwort zu diesem Thema ersichtlich, auch wenn für eine ausführliche Exegese an diesem Abend natürlich kein Raum ist – hier muss der Verweis auf formulierte Stellungnahmen genügen. Noch einige weitere Fragen drehen sich um Familie, um Gender und, nicht zuletzt, um Frauen im Pfarramt, wo die Prälatin die historischen Hintergründe der Einführung des Pfarrdienstes von Frauen vor 50 Jahren schildert, die im September gefeiert werden wird. Dass Familie und die Stärkung von Familien ihr ein Herzensanliegen ist, verdeutlicht sie mit dem Hinweis auf ihre Vorstandsarbeit im Müttergenesungswerk. Frauen beispielsweise zu helfen, dass sie sich nicht aus schierem Nicht-weiter-Wissen zu einer Abtreibung entschließen, ist eine wichtige Facette dieses Engagements.

Dass homosexuelle Lebensform, insbesondere die Segnung homosexueller Paare im letzten Jahr, auch bedingt durch die Landessynode, in Gemeinde und Öffentlichkeit so rege diskutiert wurde, steht aus Pfarrer Vosselers Sicht in einem ausgeprägten Missverhältnis zur eher nachrangigen theologischen Bedeutung dieser Frage. Dass in den Mauern der Stiftskirche das Evangelium von Jesus Christus gepredigt, dass dort Abendmahl gefeiert und dass dort Menschen getauft werden, sei, so Vosseler, das zentrale geistliche Geschehen und ungleich bedeutsamer als die Frage, ob irgendwann dort ein homosexuelles Paar gesegnet werden wird. Abendmahl, so wird im nächsten Fragenblock deutlich, ist für beide Theologen ein zentrales Geschehen. Im Kreis um den Altar Brot und Wein nicht nur auszuteilen, sondern auch mit den Gemeindegliedern gereicht zu bekommen, bedeutet für Prälatin und Stiftspfarrer eine geradezu existentielle geistliche Stärkung.

Überhaupt gehen die Fragen in diesem zweiten Teil im wahrsten Sinn des Wortes ganz schön an die Substanz. Ob sie an die leibliche Auferstehung Jesu Christi glaubten (beide: Ja!) und ob sie sich als Vorbilder der Gemeinde sähen, sind nur zwei der recht persönlichen Fragen, in deren Beantwortung sie genau das tun, was der Abend versprochen hatte: Rechenschaft geben von ihrem Glauben und von der Hoffnung, die in ihnen ist. Diese Offenheit und Bereitschaft zum Gespräch und persönlichen Zeugnis wird nicht nur vom Moderatorenteam gewürdigt, sondern hebt den Abend auch erkennbar von einer kirchenpolitischen Diskussionsrunde ab. Frau Arnold und Herrn Vosseler sei dafür herzlich gedankt.

In einem dritten Themenblock hat das Moderatorenteam schließlich Fragen zu Kirche und Gemeinde zusammengestellt. Hier wird nicht nur nach den Zukunftsperspektiven der Kirche gefragt – die Pfarrplandiskussion hat dieses Thema ganz nach vorne geholt – sondern auch nach Gottesdienst- und Gemeindeformen. Arnold und Vosseler betonen beide, dass Parochialstrukturen für die Ballungsräume immer weniger wichtig werden; in der heutigen Postmoderne mit ihren vielen Strömungen komme dagegen Profilgemeinden wie etwa dem Jesustreff oder auch dem Nachtschichtgottesdienst und anderen Formen eine große Bedeutung zu.

Auch in der Stiftskirche wächst die Bedeutung von Angeboten jenseits des weiterhin zentralen Sonntagsgottesdienstes, etwa bei den langen Kirchennächten an einigen Samstagen im Jahr. Der Auftrag der Kirche aber bleibe unverändert bestehen und sei in pluralistischer, und damit auch orientierungsloser gewordener Zeit wichtiger denn je: Menschen die gute Nachricht von Gottes voraussetzungsloser Liebe zu sagen, das Wort vom Kreuz und von der Auferstehung Jesu Christi in die Gesellschaft hinein zu bezeugen. Wie normal dabei Meinungsverschiedenheiten um den richtigen Weg sind und wie wichtig es für Kirche ist, auch im sachlich hart geführten Streit über Einzelfragen nicht in Abspaltungen zu geraten, zeigt nicht zuletzt ein Blick in das Neue Testament und in die Kirchengeschichte.

Wer von diesem Abend erhofft hatte, dass er alle theologischen Anfragen und Vorbehalte final klären, dass er Unterschiede in der Bibelauslegung und Dissens über kirchenpolitische Fragen in 90 Minuten aus der Welt schaffen würde, der sah sich mit ziemlicher Sicherheit ent-täuscht; wer von dem Abend einen polemischen Schlagabtausch von Positionen, eine publikumswirksame Schlacht auf der Bühne erwartet hatte, wohl auch. Beides bedeutet kein Misslingen dieses Veranstaltungsexperiments. Im Gegenteil, denn die wirkliche Herausforderung für die christliche Gemeinde, auch für die Stiftsgemeinde – und auch die Aufgabe gegenüber einer dem christlichen Glauben immer distanzierter gegenüberstehenden Öffentlichkeit – ist eine andere: im theologischen und kirchenpolitischen Streit um Einzelfragen dennoch versöhnt im gelebten Glauben, in Gottesdienst, Taufe und Abendmahl, in diakonischer Zuwendung und Verkündigung von Jesus Christus miteinander unterwegs zu bleiben. Auf diesem manchmal schmerzvollen und doch so lohnenden Weg stellt dieser Gemeindeabend in der Stiftskirche einen Schritt dar. Dass dies so möglich war, dafür sind wir dankbar.

Dr. Beate Ceranski
im Namen des Kirchengemeinderats der Stiftskirche

 

Gemeindebrief

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