Ehrenamt in Teilzeit - Uwe Restin im Portrait

Das berühmte Loch, in das manch´ ein Rentner am Tag seines Abschieds aus dem Dienst zu fallen droht, kennt er nicht. Einen Tag nach dem Ende seines aktiven Berufslebens begann Uwe Restin mit der Aufgabe, die er seit knapp neun Jahren gewissenhaft und engagiert ausführt; und die ihn ausfüllt: Er ist derjenige, der die große Gruppe ehrenamtlich tätiger Menschen an der Stiftskirche organisiert.

„Chef“ möchte er aber auf gar keinen Fall genannt werden: „Ich bin Teil des Teams, am Infostand ebenso wie als Kirchenwächter – und nicht Chef!“ Darauf legt er Wert. Dennoch - egal, ob man sein Tun von außen oder von innen betrachtet – so ein ganz „normales“ Glied in der Ehrenamtlichenkette ist er nicht. Er erstellt die Pläne, wer wann welche Schicht übernimmt, er springt ein, wenn jemand erkrankt oder oder sonst verhindert ist. Er prüft am Ende des Monats die Kasse – und einkaufen tut er ganz nebenbei auch noch fast alles.

Aber der Reihe nach:

Als Uwe Restin das Studium der Betriebswirtschaft in seiner Geburtsstadt Berlin abgeschlossen hatte, zog es ihn nach Schwaben, wo er eine geeignete Tätigkeit als Assistent der Geschäftsleitung bei einer großen Getränkehandlung fand. Fünf Jahre lang sammelte er erste Berufserfahrungen als Betriebswirt. Danach folgte für weitere fünf Jahre eine Tätigkeit im Immobilienbereich, bevor er nahezu 30 Jahre lang in der Diakonie Stetten tätig war: zuerst im Rechnungswesen und nach kurzer Zeit für die kaufmännische Seite der Immobilien verantwortlich.

Bilanzen, Zahlen, Rechnungsprüfung – für ihn alles kein Problem. „Jeder hat eben seine Fähigkeiten, und mir liegt das“, lächelt er sein staunendes Gegenüber an. Und genau diese Fähigkeiten schätzte man auch in- und außerhalb der Familie. Im Frühjahr 2009 folgte die nahezu logische Frage, ob er bereit sei, im Ruhestand sein Wissen und sein Können für die Stiftskirche einzusetzen. Nach einem halben Jahr Bedenkzeit war es soweit: nach dem letzten Arbeitstag am 14. August startete er am Folgetag in der Stiftskirche. Oder – um es mit Zahlen auszudrücken: von einem 100 %-Job wechselte er in einen 75 %-Job.

Geht man von einer 40-Stunden-Woche aus, so umfasst sein Wirken für die Stiftskirchengemeinde 20 bis 30 Stunden in der Woche. Mal mehr, mal weniger. Ehrenamtlich, versteht sich. Die zeitliche Dimension entfaltet ihre Logik, wenn man sich die Öffnungszeiten der Stiftskirche anschaut: Jeden Tag – also sieben Tage in der Woche – ist die Kirche ab 10 Uhr geöffnet. An vier Tagen bis 19 Uhr, an drei bis 16 Uhr bzw. 18 Uhr. Drei Stunden dauert eine Schicht für einen Ehrenamtlichen. Zwei Menschen bilden als Team eine Schicht – einer steht am Infostand, und einer fungiert als Kirchenwächter, der nach dem Rechten sieht, in der Tageskapelle nach den Kerzen schaut oder im Kirchenschiff Besuchern für Fragen zur Verfügung steht. Manch einer will auch mit dem Aufzug Richtung Toiletten verschwinden – nicht wissend, dass die Toiletten der Stiftskirche nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Für das Bereitstellen und damit vor allem die Reinigung der Toilettenanlagen fehlt der Kirchengemeinde schlicht das Geld.

Fällt ein Ehrenamtlicher aus, weil er erkrankt ist oder weil - wie im Frühjahr mal wieder der Fall – ver.di die SSB-Beschäftigten zum Streik aufgerufen hat – springt Uwe Restin ein. Schließlich radelt er in die Kirche und ist damit unabhängig von bestreikten oder im Stau stehenden Verkehrsmitteln. Auf diese Weise unterstützt er ganz selbstverständlich auch die Mesner und schließt die Stiftskirche auf, wenn dem Mesner die Anreise erschwert ist.

180420 Uwe RestinUwe Restin legt die anfangs noch spärlich gefüllten Dienstpläne allmonatlich am Ersten des Vormonats aus, so dass sich jede und jeder eintragen kann. Zehn Tage vor Monatsende sammelt er die Listen ein und verschickt sie an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Seine Ehefrau Hanne - eine gebürtige Stuttgarterin - unterstützt ihren Mann bei der Kirchenwacht, allerdings bleibt das Organisatorische in seiner Hand. In Aufgabenblättern für die Kirchenwacht und Infostand steht alles, was die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wissen sollten. Sie müssen verantwortungsbewusst und charakterlich geeignet sein, auf Menschen zuzugehen, die in Not sind oder von Ängsten geplagt sind, auf die Seelsorge hinweisen, Fremden an der Infotafel die Stiftskirche erläutern und im Kirchenschiff darauf achten, dass die notwendige Ruhe zum Gebet besteht.

Er ist es auch, der die Waren für den Infostand beschafft – also Postkarten, Baumwolltaschen und Keramiktassen mit Motiven unserer Kirche. Bis auf die Konzertkarten und die CD´s des Stiftskantors Kay Johannsen, die Vreni Rothe verantwortet, sorgt er für alles Verkäufliche am Infostand. Rechnen tut sich das nicht unbedingt, schließlich muss Steuer abgeführt werden; „und damit ist der Infostand keine Goldgrube, mit der die Stiftskirche Geld verdient“, lacht Uwe Restin. Gefragt sind die Gegenstände und Flyer dennoch. Vor allem in der Urlaubszeit, wenn Menschen aus den USA, aus Italien, Frankreich und Großbritannien, aus der Schweiz und viele junge Familien aus der Region zu Besuch kommen, geht es in der Kirche lebhaft zu.

Alle zwei Wochen trifft er sich mit Pfarrer Matthias Vosseler, dem Kirchengemeinderatsvorsitzenden Albrecht Kobler, Citydiakonin Cornelia Götz, den Mesnern und - wenn es geht - der Sekretärin der Stiftskirche zur Dienstbesprechung. Sein betriebswirtschaftliches Denken auch in die Planungszukunft hinein hilft Uwe Restin und damit der Stiftskirchengemeinde enorm. Die Rechnungsprüfung wäre ohne diese Kenntnisse schlicht unmöglich. Zwar ist das Kassensystem intelligent – es registriert, wann die Kasse geöffnet, was als Einnahme, was als Ausgabe verbucht wurde und erstellt allabendlich ein Journal. Um jedoch das zu überprüfen, was verbucht ist und es mit dem Ist zu vergleichen, dazu braucht es einen schärferen Blick.

Wie hoch ist das Durchschnittsalter der rund 80 Ehrenamtlichen am Infostand oder als Kirchenwächter? „Ich schätze, 70 Jahre…“ denkt Uwe Restin laut und ergänzt: „Es dürften gerne mehr ehrenamtliche Mitarbeiter sein!“. Das Durchschnittsalter ist nicht sonderlich erstaunlich, schließlich sind nur zwei, drei Helfer noch im Hauptberuf tätig. Was wünscht er sich für sein Team? Er lächelt: „Ein Grillfest mit allen - aber ohne Programm, damit die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mal Zeit haben, sich ohne Unterbrechungen zu unterhalten, das wäre schön. Aber das geht ja nicht. Die Kirche muss ja für alle offen bleiben.“

Dankbarkeit und die Freude an Dienstleistung und Pflichterfüllung gegenüber anderen durchströmen ihn auch noch neun Jahre nach seinem Ruhestandsbeginn. Da überrascht es nicht, dass er sich täglich an Psalm 1,3 aufrichtet:

„Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht; und was er macht, das gerät wohl.“


Und hier noch ein paar Fragen der anderen Art an Uwe Restin:

Berliner Zoo oder Wilhelma?
Tierpark (Berlin)

Lieber fünf Minuten zu früh kommen oder „das akademische Viertel“ zu spät?
Lieber das akademische Viertel zu früh …

Zuverlässigkeit ist für mich …
… angeboren

Griechenland oder Mexico?
Gardasee!

Trollinger oder Berliner Weiße?
Lemberger. Oder Merlot

Hertha BSC oder VfB?
Hauptsache guter Fußball

Ohne meine Frau Hanne wäre ich …
… heute nicht in Stuttgart

Mitarbeiter zu motivieren, gelingt mir am besten, wenn ich ….
… mich nicht aufrege!

Der häufigste Satz, den ich von Besuchern der Stiftskirche höre, lautet:
„Eine sehr schöne Kirche, und schön, dass Sie da sind!“