Pfarrer Dr. Hanna und Heidi Josua – zwei Leben für den Dialog

Zum Glück konnte Heidi Josua damals noch kein Arabisch. Hätte sie die Bemerkung verstanden, die der dunkelhaarige junge Mann seinem Begleiter zuraunte, wäre sie auf der Stelle davongelaufen; und damit Dr. Hanna Josua nicht ihr Ehemann geworden. Jetzt – gut 37 Jahre später – lachen beide herzlich über ihre erste Begegnung.

„Ich fuhr damals mit meinem kleinen alten Auto auf den Parkplatz meiner Arbeitsstelle, sah die beiden Männer, sprang aus dem Wagen und sagte vergnügt „Hello, I´m Heidi!“ schildert Heidi Josua den besagten Moment. Die Begrüßung auf Englisch reichte aus, um die beiden Männer zu einem Smalltalk zu ermutigen. Zwei Minuten später sagte Hanna Josua zu seinem Begleiter: „Die heirate ich!“ Auf Arabisch. Hätte Heidi die Bedeutung der wohlklingenden Silben verstanden – „niemals wäre das ´was geworden!“ Sie lacht.

Dr. Josua sah, hörte und spürte sofort: „Die oder keine!“ Damals konnte er die zierliche dunkelblonde Frau noch erkennen, obwohl seine Sehfähigkeit typhusbedingt seit seinem dritten Lebensjahr sehr stark eingeschränkt war. In seiner Geburtsstadt Beirut hatte er als Kind die Blindenschule besucht. Seine Kindheit in dieser nie zur Ruhe kommenden lärmenden Stadt hatte ihn gelehrt, sich trotz Sehbehinderung in Menschenmengen souverän zu bewegen. Inklusion ist dort eine Überlebensstrategie. Die Behinderung glich er durch Sport aus: Schwimmen, Langlauf und Karate.

„Was für ein schönes Land! Hierher könnte Gott mich doch schicken“, dachte Dr. Hanna Josua, als er 1974 bei den Paralympics in Berlin antrat: 5000 Meter Laufen und Freistil-Schwimmen waren die beiden Disziplinen, in denen er für den Libanon startete. Zwar dauerte es noch ein paar Jahre, denn zwischen 1974 und 1980 studierte er an der Universität von Beirut Politik und Geschichte. Aber plötzlich wurde es wahr: „Gott hatte mir genau zugehört“, sagt er heute. Und lächelt zufrieden.

180806 Ehepaar Josua
Heidi, die Pfarrerstochter aus Ötisheim, hatte mit Großstädten wenig am Hut, sie fühlte sich als Heranwachsende auf dem Land wohl. Wie gut die beiden jedoch harmonieren, sich ergänzen und miteinander im Glauben und unter dem Schutz Gottes wirken, zeigte sich einige Jahre später. Dr. Josua war im Jahr 1984 vollständig erblindet und erfuhr von seinen Ärzten, dass es für seine Augen keine Heilungschancen gäbe. Er war tief getroffen und verlor alle Hoffnung, alles perspektivische Denken.

„Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen“ (Psalm 118,17) kam ihm da in den Sinn, aber er schob die Eingebung kraftlos zur Seite. Deprimiert schleppte er sich nach Hause. Seine Frau fing ihn im Flur der Wohnung auf und sagte: „Du hast Deine Augen verloren, aber ich werde Deine Augen sein.“ Sie hielt Wort:

Damit er ebenso schnell Deutsch lernen konnte wie er als Jugendlicher Englisch beherrschen gelernt hatte, übertrug sie ihm sein Deutsch-Buch in die Punktschrift. Englisch, Arabisch – und nun die Punktschrift. Heidi Josua hatte neben der Erziehung ihrer mittlerweile drei kleinen Kinder, ihrem Orgelspiel sowie den Unterrichtsstunden, die sie als Religionspädagogin gab, ständig dazugelernt. Und setzte ihr Wissen nahtlos und praktisch um. Sie las ihrem Mann die Griechischaufgaben vor, die er für sein Studium lösen sollte. Er übersetzte die erste Auflage einer arabischen Bibel aus dem Jahr 1865 in die Blindenschrift und schuf parallel eine Neuauflage für Sehende.

Hört man den beiden eine Weile zu, so scheinen sie aus purer Aktivität zu bestehen. Ist das nicht auf Dauer anstrengend? „Wir schauen nie auf die Uhr“, sagt er. „Nur bei Gottesdiensten und anderen Terminen sind wir beide sehr pünktlich. Schwäbisch halt. Und wenn ich nachts aufwache, ohne gleich wieder einzuschlafen, gehe ich ins Büro.“ Ihr Tun empfinden beide weniger als Arbeit – denn als Berufung.

Grenzenlose Liebe und unerschütterliches Vertrauen sind zwischen dem libanesisch-württembergischen Paar spürbar. Sie lachen viel miteinander, necken sich und kommunizieren dabei durchaus unverblümt. „Du machst wieder einen Deiner üblichen Witze“, sagt sie, als er einen mutigen Vorschlag unterbreitet. Von wegen. Jemand, der sich ohne Augenlicht mehrmals täglich die Königstraße in Stuttgart auf und ab zu gehen traute, muss ein gerüttelt Maß an Zuversicht und Vertrauen in sich tragen. Und an Glauben.

Fünf Kinder hat das Paar großgezogen, wobei die Anfänge alles andere als leicht waren. Der studierte Politologe und Historiker wollte ursprünglich Politiker werden, spürte dann jedoch ein weiteres Interesse aufkeimen: die Theologie. Also sprach er mit erfahrenen württembergischen Theologen über sein Ziel. Sie machten ihm nicht gerade Hoffnung – vielmehr nannten sie ihm zehn Gründe, derentwegen sie ihm keine Chancen einräumten. Noch gab es wenige Intellektuelle unter den „Einwanderern“. Noch war sein Deutsch damals nicht fließend genug – und sie sahen in seiner körperlichen Einschränkung ein Risiko. Er nicht. Er glaubte. An sich, an seine Fähigkeiten, an seine Berufung, an Gott.

Genau das war das Entscheidende. Eine Pfarrerstelle wurde ihm nicht in Aussicht gestellt – und damit war ihm der klassische pfarramtliche Weg noch vor dem Studium verbaut. Immerhin: eine Diakonen- und Predigerausbildung durfte er machen. Also besuchte er die Evangelische Missionsschule in Unterweissach. „Gehorsam wie ich nun mal bin“, amüsiert er sich. Heute.

Zu ihrem Glück erhielten die beiden eine Wohnung direkt über dem Kindergarten in Unterweissach. Statt der üblichen vier brauchte Dr. Josua drei Jahre, um das Seminar als Klassenprimus abzuschließen.

In Manfred Bittighofer, damals Direktor der Missionsschule und später Pfarrer der Stiftskirche in Stuttgart, fand er einen Mentor und Unterstützer. Der gewiefte und bestens vernetzte Freund kam auf eine Idee: Die beiden gründeten 1989 einen Verein, bei dem Dr. Hanna Josua angestellt war. Zweck des Vereins war es entsprechend seiner Satzung, fremden Menschen Orientierung aus christlicher Sicht sowie Unterstützung zu einer gelingenden Integration zu geben. Diese Maxime wurde nicht nur von Dr. Hanna Josua, seit 1997 als Pfarrer, sondern auch von der Religionspädagogin und Orientalistin Heidi Josua mit Leben erfüllt. Das Ehepaar wirkt zwischenzeitlich in vier arabisch-evangelischen integrationsorientierten Gemeinden in Süddeutschland, er ist Geschäftsführer der Evangelischen Ausländerseelsorge und Gastdozent am Jordan Evangelical Theological Seminary in Amman/Jordanien. Sie tragen einen Erfahrungsschatz und ein Wissen in sich, das sich durch nichts ersetzen lässt. Und sie sind beide so gastfreundlich, dass sich jeder, der neu in Deutschland angekommen ist, sofort wohler und von Herzen willkommen fühlt. Ihr emotional-empathischer Reichtum geht dabei Hand in Hand mit einem funkelnden Intellekt. So verschafft sich das Ehepaar Josua auch bei denen Respekt, die anfangs Schwierigkeiten mit den westlichen Werten haben.

In 1. Mose 18,18 und 12,3 steht: „Abraham soll zu einer großen Nation werden und in ihm sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde.“ Was bedeutet dies für die Völkerwelt bis heute und wie kann man sich diesen Segen angesichts aller kriegerischen und politischen Auseinandersetzungen vorstellen? Dr. Hanna Josua zögert keine Sekunde: „Der Segen wirkt in zweierlei Hinsicht: zum einen greift Gott durch seinen Lebens-Segen in unsere Lebensgeschichte ein, zum anderen lautet der Auftrag, in der Gegenwart Gottes zu verweilen – und zwar psychisch und physisch. Gott spricht die Urteile, darum brauchen wir Menschen uns nicht zu kümmern. Schließlich sind wir Jesuaner und keine Abrahamisten.“

Und wie kann Integration ihrer Meinung nach gelingen? Heidi Josua sagt: „Zwei Dinge sind hierfür zwingend nötig: Zum einen die Sprachfähigkeit. Und zum anderen „Brückenmenschen“ – also Freunde; keine nur ihre Pflicht erfüllenden Sozialarbeiter, sondern Integrationshelfer und Freunde, die einen zum Geburtstag einladen und bei den mühsamen ersten Schritten in einer noch fremden Kultur helfen.“

Das Ehepaar bedauert, dass es in Deutschland bis 2015 keine verpflichtenden Sprachkurse gab. „Schweden hatte die Sprachkurspflicht immer gesetzlich verankert, Deutschland startete damit viel zu spät.“ Dr. Josua verweist bei der Frage einer gelingenden Integration auf Vorurteile auf beiden Seiten – aber auch auf die innere Einstellung vieler Flüchtlinge und Asylbewerber und zitiert dabei Khalil Gibran: „Nicht, was meine Nation mir gibt, zählt – sondern das, was ich meiner Nation gebe.“ Er empfiehlt jedem, sich aus der Opferrolle, aus der passiven Haltung zu lösen und aktiv zu werden: „Nur dann schafft man etwas gemeinsam, nur dann kann Integration gelingen.“

Das gilt für die gesellschaftliche Integration – und wie ist es bei der kirchlichen? „Die Jahrhunderte alte Abschottung, hinter deren Mauern man sich als alteingesessener orientalischer Christ oder als Anhänger einer anderen institutionalisierten Glaubensgemeinschaft verschanzt hat, muss der Vergangenheit angehören. Auch Kirchentourismus ist nicht mit Gemeindearbeit gleichzusetzen“, mahnt Dr. Hanna Josua. Das Ehepaar lebt dies vor: die evangelisch-arabische Gemeinde ist Teil der Stiftskirchengemeinde. Selbstverständlich nutzen sie die Schlosskirche einmal im Monat für die Kasualien – ansonsten veranstalten sie die Gottesdienste im Gemeindehaus der Stiftskirche in der Urbanstraße. „Wir haben dabei eine hohe Fluktuation. Viele müssen erst prüfen, ob sie bleiben wollen, nachdem die Anfangseuphorie, in Deutschland angekommen zu sein, verflogen ist.“

Mit dieser inneren Haltung schafft es das Ehepaar Josua auch, alljährlich bei der Frankfurter Buchmesse an ihrem Stand mit christlich-arabischer Literatur inmitten vieler Stände mit Koranliteratur, mit islamistischen und sogar agnostischen Schriften aus der arabischen Welt kooperativ und integrierend zu wirken. „Ganz praktische Hilfe von der ausgeliehenen Schere bis hin zu einer Tasse Tee wirken auch bei den Ablehnendsten Wunder“, sagt Heidi Josua, wenn sie von den Beziehungen erzählt, die über die Jahre hinweg in Frankfurt gewachsen sind. Dabei verschweigen sie ihre Überzeugung nicht – ganz im Gegenteil. Ein zwei Meter hohes Banner verkündet in arabischer Kalligraphie „Gott ist Liebe“.

„Einmal kam ein Emir, umfasste freundschaftlich Hannas Hände und sagte: „Ihr seid die Leuchten dieser Messe!““ erzählt Heidi Josua. „Ja – aber wehe, wenn ich mal alleine am Messestand bin, dann kommen die Besucher und fragen nach meiner Frau“, erzählt Dr. Josua stolz. Sie strahlt. Der Psalm, der sie Tag für Tag und Nacht für Nacht begleitet, wirkt. In ihr und durch sie. Er steht in Psalm 34, 6 geschrieben und lautet „Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude.“


Und zum Schluss noch ein paar Fragen der eher unüblichen Art:

Neckartal oder Bekaa-Ebene?
Dr. Hanna Josua:  „Die Pyrenäen – mit ihren duftenden Pinien. Und das spanische Mittelmeer!“
Heidi Josua: „Bkerke ist ein wunderbarer Ort im Libanon. Die dortige maronitische Kirche ist an einen steilen Berghang gebaut, und durch ihre Glaswände hat man einen atemberaubenden Blick auf Beirut und das Meer.“

Tabboule oder Kartoffelsalat?
Beide: „Beides!“

Brezeln oder Fladenbrot?
Beide: „Brezeln – klar!“

Hildegard Knef oder Fairuz?
Beide: „Fairuz – was für eine Frage!“

Jazz oder Bach?
Beide: „Ganz klar Bach!“

Libanesisches Arabisch oder Schwäbisch?
Beide: „Immer beides.“

Ihre Lieblingsspeise der libanesischen Küche heißt …
Dr. Hanna Josua: „Bamia, das sind Okraschoten mit Lamm und Reis.“
Heidi Josua: „Shish tawuq - gegrillter Hähnchenspieß mit Auberginen.“

Aus der schwäbischen Küche ist für Sie nicht mehr wegzudenken …
Dr. Hanna Josua: „Zwiebelrostbraten. Oder doch Kässpätzle?“
Heidi Josua: „Linsen mit Spätzle.“

 

Photo: privat

 

 

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