Im Dialog mit der Orgel - Kensuke Ohira im Gespräch

Kensuke Ohira ist seit kurzem zweiter Organist an der Stiftskirche. Hier lernen Sie ihn ein bisschen kennen:

Wie kamen Sie aus Japan nach Stuttgart?

Als ich mich entschieden habe Orgel zu studieren, war ich erst 15 Jahre alt. Es war mir klar, dass ich irgendwann nach Deutschland kommen möchte Nach meinem Studium in Tokyo habe ich in Würzburg weiter studiert. Zum Ende meines Studiums in Würzburg habe ich eine Nachricht von Cindy Rinck erhalten. Sie war damals noch Assistentin von Kay Johannsen und hat netterweise bei uns Würzburgern Werbung für die Assistenzstelle gemacht.So kam ich nach Stuttgart, und es begann ein neues Leben an der Stiftskirche.

Was gefällt Ihnen an der Orgel der Stiftskirche besonders?

Durch die täglichen Gottesdienste und Andachten lernte ich das Leben eines Kirchenmusikers kennen, und wie wichtig die kontinuierliche Gebetstradition ist. Ich suche die Klänge der Orgel im Gottesdienst auch anders aus als im Konzert. Obwohl ich die Orgelkonzerte auch wie einen Dienst am Göttlichen sehe. Die Mühleisenorgel der Stiftskirche ist ein Traum! Ich bin jedes Mal über ihren enormen Farbreichtum, die verschiedenen Facetten und Wärme begeistert. Auch finde ich schön, dass wir sehr viele Gastorganisten in den Konzerten erleben können. Mit der Orgel habe ich immer wieder eine neue Begegnung und das genieße ich sehr.

Was haben Sie für Ziele für die kommenden Jahre?

Oft wurde ich gefragt, wie ich alle meine Dienste und Konzerte unter einen Hut bringe. Zusätzlich studiere ich momentan noch in München. Als Assistent der Stiftsmusik durfte ich viel lernen. Ich bin erstaunt wie die Stiftsmusik die enormen Aufgaben immer wieder in Perfektion schafft. Meine Zeit als Stiftsorganist hat gerade erst angefangen. Mein Ziel ist alles gut ineinander laufen zu lassen. Ich habe ja ein großes Vorbild ganz in meiner Nähe, den Stiftskantor Kay Johannsen und das gesamte Team der Stiftsmusik.

Hat man als Organist noch Zeit für Hobbys? Und wenn ja, welche?

Es ist inzwischen schon bekannt, dass die Stiftsgemeinde eine sehr sportliche Gemeinde ist. Wir haben einen der schnellsten Pfarrer Europas, und auch der Stiftskantor ist ein Marathonläufer. Ich allerdings genieße meine freie Zeit vor den Mittagsandachten immer in meinem kleinen Garten vor meiner Wohnung. Da rede ich mit meinen Blumen, füttere die schönen Singvögel in meinem Vogelhaus und trinke nebenbei Kaffee. Auch bin ich sehr glücklich, dass ich direkt vor meinem Arbeitsplatz einen Blumenmarkt habe. Zwischen den Andachten, Trauungen und Taufen werfe ich sehr gerne meinen Blick auf die schönen Blumen am Markt.

Gibt es sonst noch etwas, was Sie uns erzählen möchten?

Ja! Von meiner Hochzeit möchte ich erzählen: Unsere Trauung am 25. August 2018 in der Schlosskirche war unvergesslich schön! Meine Frau Mami Nagata- jetzt Mami Ohira - und ich sind nun super glücklich! Wir bedanken uns sehr für alle liebevollen Wünsche, Geschenke und Karten von der Gemeinde. Wir beide kommen aus Japan, aber wir fühlen uns hier in Stuttgart sehr wohl. Wie zu Hause ...!!! Domo Arigato, vielen Dank!!!

 181008 Kensuke Ohira

Kensuke Ohira vor seinem Orgelkonzert in der St. Pauls Cathedral in London im Oktober 2018


Und hier noch ein paar Fragen der etwas ungewöhnlicheren Art …

Maultäschle oder Ramen?

Tja, es klingt beides sehr gut. Drauf antworte ich im Moment aber "lieber Mamis Spezialitäten" (ich meine nicht Mama, sondern meine Frau Mami Ohira!). Weil wir noch nicht zusammen wohnen, vermisse ich das gemeinsame Essen. Mamis Kochkünste liebe ich ganz besonders und vermisse sie soooo sehr. Also klare Antwort: Mamis Essen ist das Allerbeste! Ich liebe aber tatsächlich Mautäuschle, besonders wenn sie gebraten sind. Es schmeckt sehr ähnlich wie Gyoza in Japan.

Wo ist es sauberer? In Stuttgart mit seiner Kehrwoche oder in Tokio?

Wahrscheinlich in Japan - besonders im Schinkansen (das ist der japanische ICE). Aber ich wundere mich immer, dass nach einem Fest in Deutschland so viel Müll auf der Straße liegt (besonders am Marienplatz ...) und dann ist am nächsten Morgen alles wieder weg! In Japan wirft man nichts auf die Straße.

Womit halten Sie sich fit?

Was meinen Sie mit fithalten? Mit der vielseitigen schönen Musik bei der Stiftsmusik und ein paar Büchern von Hermann Hesse (ach, ich liebe "Narziß und Goldmund") bin ich immer vor allem seelisch fit. Ich esse jeden Morgen einen Joghurt, den ich selber gekocht habe (aber wirklich!). Am Abend trinke ich gern ein bisschen Rotwein - den ich irgendwie ständig bekomme (vielen Dank dafür!). Bei der Stiftsmusik begrüßen wir einander sehr herzlich, und die Atmosphäre im Team ist immer gut. Ich genieße mein Alltagsleben schon sehr, und das hält mich insgesamt fit!

In welcher Sprache träumen Sie?

Je nachdem, wer in meinem Traum erscheint. Ich weiß nur, dass ich noch nie auf Englisch geträumt habe - entweder träume ich deutsch oder japanisch.

Und wovon träumen Sie musikalisch?

Mit meiner jetzigen Position als Stiftsorganist bin ich sehr glücklich. Was ich aber vermisse - oder wovon ich träume, ist die Möglichkeit zu dirigieren. In Würzburg (2010-2015) hatte ich eine rege Tätigkeit als Leiter des Bach-Kantaten-Clubs. In Botnang als Kantor habe ich die Botnanger Kantorei geleitet (2017-2018). Vielleicht, wer weiß ... finde ich die Möglichkeit im Raum Stuttgart noch...

Die Orgel mit dem schönsten Klang steht in …

Oh, muss ich darauf wirklich antworten? Aber natürlich in der Stiftskirche, die Mühleisenorgel! Allerdings sind die Orgeln ja so vielseitig; jede ist anders. Ehrlich gesagt, wenn ich als Konzertorganist unterwegs bin, dann bin ich vor dem Konzert oder bei der Vorbereitung oft so verliebt in die jeweilige Orgel. Denn ich suche bei der Vorbereitung nur die schönsten Klänge und höre die Stimme. Es ist eine schöne Zeit des Dialogs.
Bei der Mühleisenorgel ist es aber auch so, dass ich immer wieder etwas neu entdecken kann. Sie, die "Dame Orgel" geht ja nicht heimlich zum Friseur, ich weiß. Aber ich frage mich oft, heute höre ich etwas anders und ich soll anders registrieren, oder ich wusste es bisher einfach nicht, dass sie hier so schön singen kann ...! Die Mühleisenorgel ist die größte Orgel in Baden-Württemberg. Das heißt aber tatsächlich, dass sie nicht die lauteste Stimme hat, sondern vielseitige Möglichkeiten der Klänge. Sie ist wirklich ein Luxus für die Kirchenmusik.

Meine Lieblingsstadt in Europa heißt …

... hmm, schwer zu beantworten. Tatsächlich habe ich eine Menge Städte schon besucht, aber wieso komme ich zu keiner klaren Antwort? Vielleicht, weil ich oft meine Zeit nur in der Kirche verbracht habe. Je nach Größe des Konzertes bekomme ich verschiedene Vorbereitungszeiten. Eine der schwersten Aufgaben war die Orgel im Freiburger Münster, wo vier Orgeln gleichzeitig klingen können. Die drei Tage der Vorbereitung war ich aber meist nur in der Kirche an der Orgel. Leider hatte ich keine Zeit für Sauna, Schwimmbad oder schöne Spaziergänge durch die Altstadt von Freiburg. Dafür war die Zeit ganz allein an den Orgeln im Münster traumhaft schön!

An der Orgel zu sitzen, bedeutet für mich …

… Zeit für einen Dialog mit der Seele der Orgel. Orgelmusik ist Musik für die Seele. Sie kommt aus dem Himmel. Oft fragte ich mich selbst, was die Orgel jetzt denkt. Es ist jedesmal eine neue Herausforderung, das individuelle Klangbild der Orgel optimal zum Klingen zu bringen. Zum anderen ist es mein Ziel, den Menschen quer durch die Welt ein besonderes Musikerlebnis zu bieten. Orgelbau und Orgelmusik haben eine lange Geschichte hinter si,ch und ich bin überzeugt, dass sich diese Geschichte in Zukunft fortsetzen wird. Ich werde dazu meinen Beitrag einbringen.

Gegen Lampenfieber mache ich …

… einen Spaziergang und genieße neue Entdeckungen in der Natur. Stuttgart ist eine Stadt, aber man findet überall Möglichkeiten, wo man einen schönen Spaziergang machen kann.

Gibt es als Organist einen Unterschied zwischen einem Gottesdienst und einem Konzert?

Ja, natürlich. Wir haben bei beiden Veranstaltungen ganz unterschiedliche Ziele. Bei beiden versuche ich immer die Gesichter der Besucher im Blick zu haben. Eine Verbindung mit der Musik und den Menschen ist für mich das Wichtigste. Ich möchte gerne beim Konzert den Besuchern musikalisch in die Nähe kommen und dabei sein. Beim Gottesdienst bin ich ein musikalischer Begleiter und auch ein Teil der Gemeinde. Das Gefühl beim Gottesdienst ist vielleicht ähnlich wie bei einem Dirigenten. Denn ich achte immer auf viele verschiedene Sachen. Bei einem Konzert bin ich eher frei.

Näheres über Kensuke Ohira erfahren Sie auf seiner Webseite.

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