„Ich muss einfach sehen, wie es unserer Kirche geht!“ - Robert Fischer im Portrait

(17.03.2019) Wenn man´s ganz genau nimmt, lautet sein Name „Roberto Alfredo Fischer“ – aber so viel Exaktheit ist nur in hochoffiziellen Schreiben oder Dokumenten nötig. Kennen tun ihn die meisten als „Robert“. Es ist seine erste Amtszeit als Kirchengemeinderat – und der blonde 1,90 m große, agile Mann liebt sein Tun; in diesem Gremium und weit darüber hinaus. Wenn er in der Stadt ist, schaut er gerne in die Kirche hinein, „nur um zu sehen, wie es unserer Stiftskirche geht, wie die Sonne durch die bunten Fenster scheint oder wer gerade an der Orgel übt“, erzählt er.

An den Wochenenden verbringt er viele Stunden dort – angefangen von der „Stunde der Kirchenmusik“, die er freitags ganz bewusst als Übergang von der Arbeitswoche hin zu zwei freien Tagen genießt, über drei Stunden Betreuung des Infostandes am Samstagvormittag, den Wochenschlussgottesdienst mit Abendmahl und den Sonntagsgottesdienst.

„Ich will und kann mir einen Sonntag ohne Gottesdienst einfach nicht vorstellen“, sagt er nachdenklich. „Einfach nur nicht in den Gottesdienst zu gehen, weil die Woche stressig war - das ist für mich undenkbar.“ Dabei ist er auch dort nie passiver Besucher. Er merkt sofort, wer noch kein Sitzkissen oder eine Frage auf der Zunge hat, weist den Weg, hilft rasch und geräuschlos - auch bei der Abendmahlsvorbereitung, vermittelt Kontakte und ist einfach da. Als Teil des Teams, das den Besuchern und Gott dient. Den Glauben alleine nach innen zu leben ohne Kirche, ohne Gemeinschaft ist für ihn ebenso wenig vorstellbar. „Allein die Liturgie – die ist doch herrlich!“ schwärmt er.

Auch wenn man ihn nicht sieht, wirkt er hinter den Kulissen. Er kennt die Mitglieder der zahlenmäßig kleinen Kirchengemeinde so gut wie kaum jemand sonst – schließlich trifft er sie nicht nur in den Gottesdiensten, sondern auch in Gesprächskreisen, bei Ausflügen und Wanderungen. „Ich möchte wissen, wie es unserer Kirche geht – und was die Menschen unserer Gemeinde bewegt; auch, wie sie sich bewegen“, sagt er. „Ich sehe das keineswegs als Pflicht an, für mich ist das echte Leidenschaft: Wir sind in der Kirchengemeinde gemeinsam unterwegs, und da bilden wir eine Wertegemeinschaft, in der ich Frieden spüre. Auch wenn es mal intensivere Diskussionen gibt.“ Selbst kontroverse Gespräche oder schwierige, langwierige Sitzungen empfindet er als „nicht unschön“. Töne, Sätze und Gedanken bilden zusammen eine Haltung, die selten geworden ist.

Seinem prüfenden Blick fällt auf, wenn das Fehlerteufelchen im Internetauftritt zugeschlagen hat; er schöpft Spätzle und Soße auf Teller über Teller und räumt die Spülmaschine ein, sobald die Schlange kürzer wird. Kein Handgriff ist ihm zu viel. Und dabei strahlt er aus tiefstem Inneren eine Zentriertheit und Freundlichkeit - nein: Glück! – aus.

Woher kommt dieses Glücklichsein, woher die Freude an allem, was er tut? „Uns geht es doch unglaublich gut“, sagt er, „und dafür bin ich einfach dankbar. Was wir für Optionen haben, dass wir in Frieden leben, zu essen haben, Heizung und Wasser da sind. Das ist nicht selbstverständlich. Ich brauche aber auch keine Statussymbole oder viele Äußerlichkeiten. Mein größter Luxus besteht darin, dass ich meinen Tag sehr bewusst gestalte und mir dabei auch Zeit für Stille oder zumindest Ruhe nehme.“

Er arbeitet in einem Stahlhandelsunternehmen, und seine Arbeitstage beginnen mit dem Weckerklingeln morgens um 4.30 Uhr. Selten ist er vor 18 Uhr wieder zu Hause. Dann versucht er, entweder ein bisschen Ausgleichssport zu treiben oder nach der Stiftskirche zu schauen, bevor er kocht. Die Abende enden relativ früh – und immer mit dem gleichen Ritual: sein Blick fällt in die Losung des Folgetages. „So nehme ich den Gedanken der Losung und des Lehrtextes mit in die Nacht und kann mich auf das Thema des folgenden Tages einschwingen“.

Robert Fischer verbrachte die ersten 22 Lebensjahre in seiner Geburtsstadt Buenos Aires. Der erste Besuch in Deutschland bei seinem Onkel in Stuttgart führte zu einem bemerkenswerten Einschnitt: „Das war erstaunlich - wie nach Hause zu kommen“, erzählt er. Die Predigt des Prälaten i.R. Röckle am Totensonntag 1997 und die des damaligen Stiftspfarrers Bittighofer zum 1. Advent eine Woche später taten ihr Übriges: „Ich dachte nur: „Wow! Das ist es! In diesem Augenblick wollte ich zur Stiftskirche gehören“. Der Abschied von Argentinien fiel überraschend leicht – beflügelt durch das euphorische Gefühl, endlich zu Hause angekommen zu sein. Er absolvierte eine kaufmännische Lehre bei einem Stahlhandelsunternehmen und setzte damit die Familientradition fort: Sein Großvater hatte Deutschland verlassen, um den Standort von Krupp in Buenos Aires aufzubauen.

Robert Fischer hatte in der Millionenstadt Buenos Aires eine deutsche Privatschule besucht. Träumt er heute auf Spanisch oder auf Deutsch? „Nur auf Deutsch“, lacht er. „Aber zählen tue ich auf Spanisch“. Leben in diesem großen und stark katholisch geprägten Land überhaupt Protestanten? „Ja, natürlich“, sagt er, wir hatten klassischen deutschen Konfirmandenunterricht, da gab es kaum Unterschiede zu hier.“

Drei Bibelstellen beziehungsweise die Bilder dieser Zitate tragen ihn durch seine Tage: „Alle Dinge sind dem möglich, der da glaubt.“ (Markus 9, 23);  „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ (1. Korinther 13, 13) und
die Beschreibung des Neuen Jerusalem in der Offenbarung 21, die über ihre Bilder und Worte Sehnsüchte wecken. „Sind das nicht unglaubliche Verheißungen – ja, Ziele?“ fragt Robert Fischer.

Hat jemand, der einen so starken Glauben lebt, überhaupt noch Wünsche? „Na klar – ich wünsche mir persönlich, noch stärker in der Dankbarkeit zu leben. Und für die Stiftskirchengemeinde wünsche ich mir, dass wir alle geistig immer offener werden, dass wir aufeinander zugehen, einander zuhören und wertungsfrei den anderen einfach so lassen, wie er oder sie eben ist. Denn er oder sie ist in Ordnung“, sagt er nachdenklich.

190316 Bild Fischer skal Zum Schluss noch ein paar „Fragen der anderen Art“:

Alpenüberquerung oder Hängematte in der Südsee?
Wandern in den Bergen ist wunderbar, Faulenzen im Urlaub ist nicht mein Ding.

Argentinisches Grillfleisch oder Linsen mit Spätzle?
Beides, wobei ich die regionale Küche Deutschlands sehr schätze.

Marathon in der Gruppe oder Wandern in der Stille?
Lieber wandern in der Stille - um die Natur zu genießen.

Pop-Art oder ein Antiquitätengeschäft?
Kunst allgemein, aber die alten Zeiten hatten´s schon in sich…

Gustav Mahler oder Peaches?
Klassik allgemein. Musik kann etwas Wunderbares sein.

Rotwein oder ein kühles Pils?
Mit Alkohol kann man mich überhaupt nicht locken.

Barock oder Bauhaus?
Baugeschichte und Architektur allgemein, aber die schönste Epoche war für mich die Gotik.