„Ich bin unterwegs“ - Heidi Heinemann im Portrait

Schaut man Heidi Heinemann an, während sie in einer Kirchenbank des Chorraums auf das Mittagsgebet wartet, fallen einem sofort ihre Ruhe und das Lächeln auf. Mit geschlossenen Augen strahlt sie im wahrsten Sinne des Wortes Gelassenheit aus, von der man sich anstecken lassen möchte. „Was – ich strahle Ruhe aus?“ Heidi Heinemann schüttet sich aus vor Lachen, als sie von dieser Beobachtung erfährt. „Dabei komme ich mir oft gar nicht gelassen vor, vor allem, wenn ich von der Arbeit komme. Manchmal ist es ein weiter Weg zur Gelassenheit. Ich brauche da immer eine ganze Weile, bis ich wieder bei mir bin“. Außenwirkung und Innensicht können sehr unterschiedlich sein. 

190428 Foto HeinemannHeidi Heinemann arbeitet als Fachkrankenschwester in einer großen Stuttgarter Klinik. Wechselnde Schichtdienste mit Nachteinheiten und Monatsplänen, die sich nie gleichen, bestimmen ihren Alltag auf der Intensivstation. Die gebürtige Enzweihingerin ist mit drei Geschwistern in einer Bläserfamilie aufgewachsen. Das Evangelische Jugendwerk und der CVJM vor Ort mit seinen Angeboten wie Mädchenkreis, Kajakfahren auf der Enz, generationenübergreifender Bibelstunde, der Indiacasport und das Singen im Kirchenchor prägten sie. Seit sechs Jahren ist sie Kirchengemeinderätin an der Stiftskirche und engagiert sich unter anderem für Flüchtlinge.

Leckere Cantuccini zu backen, Gedichte zu schreiben, eigene Gedanken zu Gottes Botschaften in Worte zu fassen, Schwimmen, Klavierspielen und Singen, Mußestunden im Liegestuhl verbringen, dabei im Garten die Vögel im Vogelbad beobachten, sich zu freuen an dem, was der Schöpfer uns vor Augen malt in der Pflanzen und Tierwelt und in dieser möglichst viel unterwegs zu sein, bilden die Grundvoraussetzung dafür, dass Heidi Heinemann angesichts der beruflichen Herausforderungen im Gleichgewicht bleibt.

Wie stark sich diese im Bereich der Krankenpflege veränderten, ja sogar – angesichts der Personalnot - erhöht haben, erzählt sie am Beispiel der Häuser, die sie bisher kennengelernt hat. Ihre Ausbildung hat sie im Klinikum Ludwigsburg absolviert, einem Großklinikum mit mehr als 1200 Betten. Drei Jahre blieb sie nach dem Examen noch dort und wechselte dann an das Kreiskrankenhaus Herrenberg mit seinen 200 Betten, was zu der Zeit von der Evangelischen Herrenberger Schwesternschaft geprägt war.

Dort ging sie erste behutsame Schritte auf einer kleinen interdisziplinären Intensivstation. Diese Zeit erlebte sie als „wunderschöne und sehr kostbare Zeit“, wie sie mit leuchtenden Augen erzählt. Den dortigen Führungsstil der Pflegekräfte sowie der verantwortlichen Ärzte erlebte sie - wie es Notker Wolf, früherer Abtprimas der benediktinischen Konföderation, in seinem Buch „Die Kunst Menschen zu führen; in Gottes Namen Menschen führen“ beschreibt - als sehr positiv.

„Miteinander unterwegs zu sein, voneinander lernen und füreinander da zu sein“- formte so wohl die jungen Ärzte wie auch die Krankenschwestern und –pfleger. Ein Führungsstil mit flacher Hierarchie – kooperativ und teamorientiert - ließen Raum für Wachsen und Werden, fachlich wie persönlich. Auf Augenhöhe einander begegnen war selbstverständlich. „Bis heute prägt mich diese Zeit, wenn es darum, geht Verantwortung zu gestalten, der Fürsorge und dem Gemeinwohl zu dienen“, sagt Heidi Heinemann.

Ja – und dann spielte natürlich die Umgebung dieser beruflichen Zeit eine Rolle: Die Wurmlinger Kapelle war vom Fenster aus zu sehen, den Blütenduft und das frische gemähte Heu der Bauern während der Arbeit zu riechen. Nach vier Lern- und Lebensjahren in Herrenberg führte sie ihr Weg schließlich im Rahmen einer zweijährigen Fachweiterbildung an eine große Klinik nach Stuttgart und somit in eine völlig andere Welt.

Das erste Weiterbildungsjahr zur Intensivfachschwester verlangte zunächst ein Jahr im dortigen OP-Bereich. Im zweiten Jahr ging es auf die chirurgische Intensivstation mit dem Schwerpunkt „Schwerstbrandverletzte“. Bevor sie danach innerhalb des Klinikums auf die internistische Intensivstation wechselte, packte sie für einige Monate ihre Koffer und reiste nach Korsika. Aber nicht für ein klassisches „Sabbatical“, sondern sie arbeitete dort in einem Ferienzentrum an der Rezeption und begleitete den Transfer der Gäste zum Flughafen.
„Eine sehr spannende Zeit: auf dieser wunderschönen Insel zu arbeiten – das war sehr wichtig für mich, denn mein Blick auf das bisherige Leben und das Leben in Baden-Württemberg erweiterte sich dort“, resümiert sie.

„Unterwegssein, in Bewegung bleiben, Brücken bauen, Kirche kreativ mit gestalten, so dass christlicher Glaube vielfältig seinen Ausdruck finden kann. Dies betrifft sie persönlich, aber auch die Stiftskirchengemeinde und die Stiftskirche als zentrale Kirche inmitten einer Stadt mit vielen gesellschaftlichen und sozialen Veränderungen. All dies bewegt die Kirchengemeinderätin sehr. Diesen Wandel erlebt sie auch als Spiegelbild auf der Intensivstation. Und ebenso bei der Begleitung einer geflüchteten Familie mit ihren Kindern. „Was für ein Reichtum bei diesen Begegnungen“ sagt Heidi Heinemann. Ihr Tonfall lässt erahnen, wie dankbar sie für ihr Leben und die Chancen ist, die sich auf ihrem Lebensweg zeigen.

Als junges Mädchen und junge Frau erlebte sie bei ihrem Vater und ihrem Patenonkel, wie Krankheiten das Leben von heute auf morgen durchkreuzen können und alles, auch innerhalb der Familie, verändern kann. Und dennoch, so erzählt sie nachdenklich, in allem Schweren nahm sie das göttliche Bewusstsein und die göttliche Kraft in den schwerkranken Männern wahr. All diese Erfahrungen, auch die vielen Gespräche mit ihrem Patenonkel, der durch einen Unfall querschnittsgelähmt wurde, haben sie weitergeführt und gestärkt, durch viele bohrende Fragen und Zweifel hindurch.

Bis heute ist es ihr wichtig, regelmäßige Auszeiten zu gestalten, um zwischen Anspannung und Entspannung in Balance zu bleiben. Sie nennt es „von Bord gehen“; im Sinne von Markus 6,31. Dazu gehört für sie einmal im Jahr eine stille Einkehrzeit. Dies hilft ihr, wieder zur Gelassenheit zu finden, um in der Vielfalt der Meinungen, im Tempo und Lärm der Zeit hörfähig zu bleiben, auch für das, was Gott zu sagen hat.

Dass manches auch in ihrem Ehrenamt alles andere als einfach ist, ist klar. Als besonders herausfordernd erlebte sie die Auseinandersetzungen innerhalb des Kirchengemeinderates anlässlich der Aufführung von Karl Jenkins Friedensmesse „the armed man“. Das musikalische Kunstwerk lehnt sich an die katholische Messliturgie an, verwendet aber auch andere Texte und Religionen, um die universelle Grausamkeit des Kriegs und den allumfassenden Wunsch nach Frieden zu verdeutlichen. Der Ruf des Muezzins ist ebenso vertont wie alttestamentarische Psalmen und Auszüge aus dem hinduistischen Mahabharata. Die katholische Domkirche St. Eberhard erlebte vergleichbare Diskussionen erst kürzlich - einige Jahre nach der Stiftskirchengemeinde.

„Lebendig einladend unterwegs, wie eine „Baustelle Gemeinde“ mit weitgeöffneten Türen, in der jede und jeder willkommen ist. Gemeinde bauen durch Wort und Tat mit Christus als „Baumeister“ in der Mitte, zusammen mit vielen Mitarbeiterinnen – und mitarbeitern. Das Festhalten an der Feier des Heiligen Mahles, an der Seelsorge, am Gebet. Die beste Botschaft aller Zeiten, von einem Gott, der das Menschsein mit uns bis in die letzten Tiefen teilte, der durch Jesus Christus am Kreuz Versöhnung und Frieden stiftete und nicht ohne seine Geschöpfe leben möchte, vielgestaltig durch Gottesdienste und die Musik unter die Menschen zu bringen. Begegnungsräume schaffen, sensibel bleiben für die Fragen der Zeit, Konflikte konstruktiv austragen, all dies und vieles mehr zeichnet für mich eine lebensnahe und lebendige Kirchengemeinde wie die Stiftskirche aus“, meint Heidi Heinemann. Und so wünscht sie sich für die Stiftskirche ein Gemeindefest rund um das Kirchengebäude mit Spielstraße und Musik. Und eine Bühnenplattform für „Gospel im Osten“ . Ihre strahlend blauen Augen glitzern, als sie sich beides vor dem geistigen Auge ausmalt.

Zwei Bibelverse begleiten sie bis heute, auch durch manche persönliche Herausforderung. Einer davon ist ihr Konfirmationsspruch:

„Der HERR ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten! Der HERR ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen!“ (Psalm 27,1).

„HERR, deine Güte reicht, soweit der Himmel ist, und deine Wahrheit, soweit die Wolken gehen. Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes und dein Recht wie die große Tiefe. HERR, du hilfst Menschen und Tieren. Wie köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben! Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses, und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom. Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht.“ (Psalm 36,6-10).

 
Zum Schluss noch ein paar Fragen der anderen Art:

Plätzchen und Kekse zu backen ist für mich…
…pure Entspannung bei guter Musik

Führen oder geführt werden?
Hier passt für mich kein „oder“! Das eine nicht ohne das andere!

James Bond oder Tatort?
Tatort und James Bond als Kinoritual mit meinem Patensohn.

St. Moritz oder Sils Maria?
Sils Maria – immer und immer wieder.

Bergstiefel oder Strandkorb?
Bergstiefel.

Was würden Sie in Ihr Traumhaus bauen? Solebad oder Sauna?
Mein Traumhaus würde ich in die Nähe eines Themalbades bauen; und ins Haus eine Sauna

Was verbinden Sie mit „Heimat“?
Einen doppelten Sinn:„geerdet“ und „gehimmelt“ sein, ein Dach über meinem Kopf zu haben und Dankbarkeit für Frieden. Und es ist der Ort, wo ich verstanden werde.

Was für eine Bedeutung hat Integration für Sie?
Alles dafür zu tun, dass der Fremde heimisch wird und dieser auch alles dafür tut, hier heimisch werden zu wollen.

Was verbinden Sie mit Ihrem Vornamen?
Zuallererst Freude, weil ich finde, dass er zu mir passt und ich häufig ein Ständchen bekomme, das mich an das Leben der kleinen Heidi in den Bergen erinnert. Aber mein Name hat sich im Unterwegssein auch mit dem verbunden, auf dessen Namen ich getauft wurde und der mich bei meinem Namen gerufen hat.