Heilende und betende Hände – Friedensnobelpreisträger Dr. Denis Mukwege in der Stiftskirche

Erschreckt fährt der Chirurg im Operationssaal zusammen, als draußen auf dem Gang plötzlich lautes Geschrei ertönt. So laut und so einstimmig, das kann nur ein Brand oder ein Überfall sein. Er zittert am ganzen Körper – schließlich ist er schon mehrfach nur ganz knapp dem Tod entkommen – als sich die Tür zum OP öffnet und seine Anästhesistin ihm mit der Nachricht um den Hals fällt, dass er soeben den Friedens-Nobelpreis verliehen bekommen habe.

Denis Mukwege, das zeigt diese Episode, ist wahrlich ein besonderer Nobelpreisträger. Ihn am Montagabend in der Stiftskirche zu erleben, war ein beeindruckendes Erlebnis, ein Privileg. Mit diesem Abend in Stuttgart hat der kongolesische Arzt seinen einwöchigen Deutschlandaufenthalt, der ihn auch zum Kirchentag geführt hatte, abgeschlossen. Seine langjährige Verbundenheit mit dem Deutschen Institut für Ärztliche Mission in Tübingen (DIFÄM) machten Stuttgart zu einer im wahrsten Sinn des Wortes naheliegenden Station, zumal am Nachmittag ein Gespräch mit Ministerpräsident Kretschmann stattgefunden hatte. Denis Mukwege hat eine mehrfache Agenda. Das ärztliche Handeln hat ihn zum politischen Einsatz geführt, damit sexualisierte Gewalt gegen Frauen als Kriegswaffe endlich geächtet und die dafür Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. In diesem politischen Kampf sucht der Nobelpreisträger Verbündete: bei westlichen Politikern, aber auch bei uns allen, im Konsumverhalten und in der Einflussnahme auf Politik und Wirtschaft, damit die furchtbaren Verstümmelungen der Frauen nicht mehr ungeahndet bleiben. Er will sie nicht länger nur zusammenflicken – mit chirurgischen Methoden, die er erst entwickeln musste, weil es für derart grausame Verletzungen bis dahin gar keine Operationsverfahren gab –, er will das ihm Mögliche dazu beitragen, dass diese Gräuel aufhören und zumindest nicht länger ungestraft bleiben.

Aber Denis Mukwege sucht nicht nur unser aller Solidarität und Einstehen für Gerechtigkeit. Er bringt auch etwas mit: Einen tiefen Einblick in die Zusammenhänge der Globalisierung, die die kongolesischen jungen Männer ohne Arbeits- und Zukunftsperspektiven lassen, wenn ihr kostbares Erz zur Verarbeitung nach Asien geschafft wird. Würden die Bodenschätze im Kongo selbst verarbeitet, so argumentiert er in der an diesem Sommerabend dicht gefüllten Stiftskirche, so müsste man nicht aus dem Kongo nach Europa flüchten, denn es lebe sich eigentlich sehr schön dort.

190624 MukwegeUnd noch eine wertvolle Einsicht kann dieser besondere Arzt – Sohn eines protestantischen Pfarrers übrigens – uns lehren: Heilwerden und Menschen zum Heilwerden zu helfen, ist zutiefst von geistlicher Dimension. Die Frauen, die in Mukweges Panzi-Hospital operiert werden, erhalten nicht nur psychologische Betreuung und ökonomische Perspektiven für den Neuaufbau ihres Lebens. In der seelsorgerlichen Begleitung wird ihnen das Evangelium von Jesus Christus gesagt. Dass die so schrecklich verletzten Frauen ihren Peinigern vergeben, scheint eine nahezu unerträgliche Forderung. Für Denis Mukwege besteht kein Zweifel, dass diese Aufforderung Jesu das Beste für die Frauen ist, damit nicht der Hass ihr neu gewonnenes Leben aufzehrt. Diese Zu-mutung, dieser Zuspruch, wird von dem Gynäkologen gelebt und vermittelt. Wie die Kooperationspartner aus Deutschland an diesem Abend tief berührt bezeugen, trifft man in seiner Klinik tanzende, lachende Frauen an – unfassbar angesichts des ihnen Widerfahrenen.

Damit dieses Wunder immer wieder geschieht, braucht es nicht nur die heilenden Hände, sondern auch die betenden Hände des Chirurgen und seines Teams. Und auch, wenn dies am Montagabend nur in kleinen Andeutungen erkennbar wird: Auch für die Bewahrung seines eigenen, permanent gefährdeten Lebens benötigt dieser begnadete Arzt und engagierte Kämpfer für Gerechtigkeit unsere Fürbitte. Wer ihn in der Stiftskirche gehört hat, ist entschlossen: Beides, Fürbitte und politisches Engagement, wollen wir zum Wohl der Menschen im Kongo beitragen.