Evangelische Stiftskirche Stuttgart

Mitten im Leben

Gedanken zur Jahreslosung 2020 von Gabriele Arnold (Januar 2020)

Wo ist nur die Vorfreude hin ausgewandert? Früher war viel mehr Vorfreude da. Da hatte man noch nicht so viel Geld. Man konnte sich nicht einfach alles kaufen. Da konnte man sich zu Weihnachten oder zum Geburtstag wirklich etwas wünschen und man wusste nie, ob man es wirklich bekommen würde. Denn für Wünsche gibt es keine Bekomm-Garantie. Damals nicht und heute auch nicht. Aber man hat ganz fest daran geglaubt und sich voller Freude vor-gefreut und vertraut, dass es die anderen schon gut mit einem meinem und einem den Herzenswunsch erfüllen.

Glauben zu können, Gott und dem Leben vertrauen zu können, ist auch ein Herzenswunsch von vielen Menschen. Aber auch der Glaube ist ein Geschenk. Etwas, auf das man merkwürdigerweise keinen Anspruch hat. Man kann es sich wünschen — so wie ein besonderes Buch zu Weihnachten oder so wie man sich die Liebe eines Menschen sehnlich wünschen kann. Aber es gibt keine Bekomm-Garantie. Anders als wenn ich im Internet etwas bestelle, der Betrag von meinem Konto abgebucht wird und ich einen Rechtsanspruch habe, die Ware dann auch zu erhalten. Glaube funktioniert so nicht. Gewiss, man kann in den Glauben hineinwachsen. Deswegen singen wir ja abends mit unseren Kindern am Bett „Lieber Gott, Du bist so groß und ich lieg in deinem Schoß wie im Mutterschoß ein Kind. Liebe deckt und birgt mich lind“. Und wir hoffen, dass unsere Kinder das mit hineinnehmen ins Leben und wir sie gut ausrüsten für all das, was kommen mag in so einem gefährdeten Menschenleben. Wir hoffen, dass sie das Vertrauen lernen, das Vertrauen, dass Gott wirklich da ist. Und dass er eine jede von uns trägt und hält und es mit jedem aushält. Auch dann, wenn es niemand mehr mit einem aushält. Auch sogar dann noch, wenn man es mit sich selbst nicht mehr aushält und weglaufen will aus seinem Leben. Solchen Glauben zu haben, ist wundervoll. Das macht stark und hilft einem, in großer Glaubensheiterkeit sein Leben zu gestalten. Aber das kann man nicht machen, nicht kaufen, ja nicht einmal durch die frömmste Erziehung garantieren. Glaube ist unverfügbar.

Das erfährt auch der Vater, der zu Jesus kommt und ihn bittet, sein Kind gesund zu machen. Sein Söhnchen ist sehr schwer krank. Dem Tod geweiht. Er hat nur noch die eine Hoffnung, dass Jesus, von dem er schon so unglaublich viel Erstaunliches gehört hat, ihnen helfen kann. Welche Verzweiflung treibt bis heute Eltern um, wenn ein Kind krank, schwer krank ist. Man würde alles tun, sogar das eigene Leben geben. Und dann gibt Jesus eine sehr merkwürdige Antwort auf die tief verzweifelte Bitte des Vaters, seinen Sohn zu heilen. Jesus sagt: Wenn Du Glauben hättest, könnest Du Berge versetzen. Aber solchen Glauben hat nur Jesus. Keine und keiner von uns hat solch einen Glauben. Unser Glaube ist unverfügbar, manchmal da und dann auch wieder nicht, manchmal stark und dann auch wieder ganz klein. Und es müssen gar nicht die großen Lebenskrisen sein, die uns unseren Glauben, unser Vertrauen nehmen. Das kann über Nacht geschehen, dass wir das Zutrauen zu Gott verlieren und uns plötzlich so mutterseelenallein und gottverlassen fühlen. Ja, manchmal ist es sogar so, dass die großen Lebenskrisen wie Krankheit, Trennung oder Tod unseren Glauben stärker machen. All das gehört zur Unverfügbarkeit des Glaubens.

Ich könnte es gut verstehen, wenn sich der Vater enttäuscht und verletzt mit seinem Sohn abgewendet hätte. Aber er bleibt, er hält stand. Und er schreit seinen ganzen Schmerz hinaus: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben“. Der Vater dreht den Spieß um. Wenn ich schon nicht so glauben kann wie Du, Jesus, und mein Glaube nicht machbar ist, dann hilf meinem Unglauben. Ich kann nicht frömmer und vertrauensvoller sein als ich bin. Das muss dir genügen, was ich dir bringe: meine Ohnmacht, meine Zweifel, meinen Unglauben, meine kleine Kraft und meine große Liebe zu meinem Kind. Wenn Dein Glauben Berge versetzen kann, dann glaub halt für mich mit. Hilf meinem Unglauben. Und Jesus hört, er lässt sich bitten.

Ja, manchmal kann ich nicht mehr als meinen Unglauben, meine Zweifel, meine Erschöpfung hinhalten und auf ein Wunder warten. Und dann kann es sein, dass ein Wunder geschieht. Und ich plötzlich dastehe und die Augen in den gestirnten Himmel erhebe und sich ein Lied in mein Herz und vielleicht auch auf meine Lippen schleicht.

„Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne, die Sonne, die mir zugebracht Licht, Leben, Freud und Wonne. O Sonne, die das werte Licht des Glaubens in mir zugericht, wie schön sind deine Strahlen.“ (EG 37, 3)

Früher war mehr Vorfreude? Ach, lassen Sie uns doch in diesem Jahr voller Vorfreude leben, dass immer wieder ein Wunder geschieht und meinem Unglauben geholfen wird.

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