Gedanken zur Jahreslosung 2020 von Manfred Bittighofer (März 2020)

Was ist Glaube?
"Ich glaube; hilf meinem Unglauben" ist die Losung für das Jahr 2020. Ist das nicht ein Widerspruch? Entweder Glaube oder Unglaube – aber doch nicht beides zusammen. Oder doch?

Der Evangelist Markus erzählt in diesem Zusammenhang die spannende Geschichte der Heilung eines Jugendlichen, der von Kind auf an einer ihn quälenden Krankheit litt – nachzulesen in Markus 9, Verse 14-27. Niemand konnte helfen. Auch die Jünger Jesu nicht, die der Vater des Jungen darum gebeten hatte. Man kann sich die Verzweiflung der Eltern vorstellen. Freilich, in der Geschichte wird davon nichts gesagt, wie auch nichts von der bei uns stets üblichen Frage nach dem "Warum". Allein von der belastenden Erfahrung redet der Vater, wenn der "böse Geist" den Buben fast umbrachte. Das erleben zu müssen, war schrecklich. Und dabei die eigene Hilflosigkeit zu erfahren, nicht minder. Wir kennen das wohl auch, deshalb muss es nicht weiter beschrieben werden. Bedrückende Grenzerfahrungen lähmen.

Der Vater des von dem "bösen Geist" gequälten Jungen gibt nicht auf, hat doch die ganze Familie darunter gelitten. Er lässt sich auch nicht durch den Streit zwischen Schriftgelehrten, den Jüngern und vielen Leuten davon abhalten, ihn zu Jesus zu bringen. Mitten in diesem Streit kommt's zur Sache: Wir brauchen deine Hilfe, Jesus! Alles andere ist unwichtig. Und in einer verblüffenden Direktheit sagt der Vater zu Jesus: "Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns."

Vermagst du zu helfen, Jesus? Ein leiser Zweifel schwingt da mit, denn die Jünger Jesu konnten's ja nicht. Jesus gibt ihm nicht einfach zur Antwort: Ich kann euch helfen. Merkwürdig ist die Antwort Jesu. Er nimmt das fragende Wort des Vaters "wenn du etwas kannst" auf und sagt "alles vermag, wer glaubt". Damit nennt Jesus sein eigenes Verhalten Glauben. Einzigartig ist das in dieser Geschichte: Jesus ist der Glaubende! In ihm ist Gottes Kraft wirksam. Das trifft den Vater, der sogleich ausruft: "Ich glaube; hilf meinem Unglauben!" Der "ungläubige Glaube" des Vaters hält sich dennoch an Jesus. Was für ein Vertrauen! Und was für ein Trost. Er ist da, Jesus, der um Hilfe zum Glauben von dem Vater angerufen wird, ja, der von uns angerufen werden kann. Und er verweigert sich nicht – nie!

Jetzt merken wir, wie missverständlich es ist, wenn davon geredet wird, als wäre mir als Glaubender alles möglich. Gar nichts ist mir möglich. Jesus aber alles! Um ihn geht es – mit meinem Glauben!

Glaube ist kein Besitz, über den man verfügen könnte. Glaube ist Geschenk! "Hilf meinem Unglauben!" ruft der Vater aus. "Es ist nicht die Art des Glaubens, seiner selbst gewiss zu sein" (Gottfried Voigt). So ist es. Und damit sind wir wieder bei uns und unserem Glauben, unbeschadet wie es um uns steht. Und da gibt es Zeiten dankbarer Lebensfreude, Zeiten unbeschwerten Glücks, Zeiten fröhlichen Glaubens. Und dann gibt es Zeiten, in denen der Zweifel einen einholt, Anfechtungen niederdrücken und gar nichts von der Nähe Gottes zu spüren ist. Das alles gehört zusammen.

Was aber gibt Kraft und Zuversicht? Was lässt wieder aufatmen und gibt Hoffnung? Ich denke, die Ehrlichkeit, die der Vater in der Geschichte zum Ausdruck bringt: "Hilf meinem Unglauben!" Ich bin auf dich angewiesen, Jesus. Hilf mir heraus aus meiner Schwäche. Lass nicht zu, dass der Zweifel mich zermürbt, dass die Anfechtung mich von dir wegreißt.

Übrigens: Es gibt kein Wort Jesu zum "Unglauben" des Vaters. Geheilt wird der Sohn, für den der Vater eingetreten ist. Kein Wort von mangelndem Glauben. Vertrauen zu Jesus genügt. Das trägt auch durch schwere Zeiten hindurch. Jesus steht auch dann nicht abseits. "Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre" (Lukas 22, Vers 32), sagt Jesus zu Petrus, der am Ende war. Ich weiß mich darin eingeschlossen. "Ich glaube; hilf meinem Unglauben!"