Evangelische Stiftskirche Stuttgart

Mitten im Leben

Gedanken zur Jahreslosung von Eberhard Schwarz (April 2020)

In diesen Tagen erinnern wir uns an den 75. Todestag des Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer. Bonhoeffer hatte sich als Pfarrer, Theologe und Christ am Widerstand der Deutschen Wehrmacht vom 20. Juli 1944 gegen Hitler beteiligt und diese Beteiligung mit zweijähriger Haft und schließlich mit dem Leben bezahlt. Am 9. April 1945 wurde er im Konzentrationslager Flossenbürg auf Befehl Hitlers ermordet. 

Über konfessionelle, nationale und kulturelle Grenzen hinweg wird Bonhoeffer in wachsendem Maße als ein Modell eines glaubensstarken und überzeugenden Christen wahrgenommen. Diese immer größer werdende Verehrung ist schon deshalb bemerkenswert, weil dies zu Bonhoeffers Lebzeiten und auch in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg keineswegs so war. Wer sich darüber hinaus die Zeit nimmt, sich hineinzulesen in die gut dokumentierte Biografie des 39 Jahre alt gewordenen Theologen, wird entdecken, dass Bonhoeffers sich keineswegs selber als Modell des Glaubens sah.

Im Gegenteil! Er zeigt sich immer wieder als ein Mensch im Zwiespalt – im Zwiespalt gar nicht so sehr mit seinem Gott, sondern mit seiner eigenen Person. Es ist der Zwiespalt zwischen seiner eigenen Stärke und seiner eigenen Schwäche. Glaube und Unglaube werden bei Bonhoeffer sichtbar und werden von Bonhoeffer erlebt als ein Thema des sich selbst verborgenen Menschen; als des Menschen, der in seinem Wesen nicht eindeutig, nicht stabil, nicht konsequent ist. Niemand ist ein glaubensstarker Heros! Das ist für Bonhoeffer kein Versagen und keine Schande. Das ist stattdessen etwas wesenhaft zu uns Gehörendes: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben“ ist, so gesehen, eine Grundlinie und eine Grundeinsicht jeder christlichen Existenz. Überaus eindrucksvoll lässt sich das nachlesen und spüren in Bonhoeffers Gefängnisbriefen, seinen Gedichten und Gebeten: Dort begegnet uns der an sich selber zweifelnde Mensch, der an den Grenzen seines Vermögens und Könnens sein Vertrauen immer wieder auf Gott wirft.

Zu den überraschenden Dingen in der Bonhoeffer-Forschung der letzten Jahre gehört ein Brief, den Dietrich Bonhoeffer am 17. Oktober 1934 an Mahatma Gandhi geschrieben hatte. Das Antwortschreiben Gandhis war vorhanden. Bonhoeffers Brief wurde erst vor kurzem in Papieren Gandhis in Neu-Delhi entdeckt. Wolfgang Huber, der frühere Ratsvorsitzende der EKD, hat diesen Brief nun übersetzt und veröffentlicht. Darin wird erkennbar, wie intensiv sich Bonhoeffer vorgenommen hatte, Gandhi persönlich kennen zu lernen und ihn in seinem Ashram zu besuchen. Er erhoffte sich dort insbesondere in der Frage des Friedensengagements Rat und Orientierung für sich und für die Kirchen Europas und weltweit, die immer tiefer selber in die sich anbahnende politische Katastrophe hineingerieten. „Die große Not in Europa und besonders in Deutschland“, schreibt er an Gandhi, „besteht nicht nur in der wirtschaftlichen und politischen Unordnung, sondern es geht um eine tiefe geistliche Not. Europa und Deutschland leiden unter einem gefährlichen Fieber und sind dabei, sowohl die Selbstkontrolle als auch das Bewusstsein für das zu verlieren, was sie tun. Die heilende Kraft für alle menschliche Bedrängnis und Not, nämlich die Botschaft Christi, enttäuscht immer mehr nachdenkliche Menschen aufgrund ihrer gegenwärtigen Organisationsform. Gewiss gibt es hier und dort einzelne Christenmenschen, die das ihnen Mögliche tun, um die organisierte Christenheit zu einer grundlegenden Erneuerung zu bewegen; aber die meisten organisierten Körperschaften der christlichen Kirchen wollen die tatsächliche Herausforderung nicht wahrnehmen. […] Die westliche Christenheit muss aus der Bergpredigt neu geboren werden; das ist der entscheidende Grund dafür, dass ich Ihnen schreibe. Aus all dem, was ich von Ihnen und Ihrer Arbeit weiß, schließe ich, dass wir westlichen Christinnen und Christen von Ihnen lernen sollten, was mit dem Wirklichwerden des Glaubens gemeint ist […]“.

Zu dieser Reise nach Indien ist es nicht gekommen. Bonhoeffer hatte sich aus den Gründen, die in dem Brief erkennbar werden, dafür entschieden, in Deutschland zu bleiben und sich hier gegen die Hitlerdiktatur einzusetzen: der Schritt ins Engagement, das Wirklichwerden des Glaubens. Seine in diesem Brief geäußerten Gedanken zeigen nicht nur seine Zweifel an der Gestalt und am Weg der evangelischen Kirche; sie zeigen viel mehr noch, wie ein Schritt hinein in die Wirklichkeit dieses spannungsreichen Lebens, der Schritt heraus aus dem Zögern und Zweifeln und Zagen auch die Haltung verändert. Es heißt dann nicht mehr nur: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben“. Es heißt dann auf andere Weise: „Ich glaube“.

Überaus eindrucksvoll hat Bonhoeffer das in seinem berühmten Glaubensbekenntnis in Worte gefasst, das er zehn Jahre später und unter dem Titel „Nach zehn Jahren“ im Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis in Berlin-Tegel geschrieben hat.


Ich glaube,
dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten,
Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen,
die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube,
dass Gott uns in jeder Notlage
soviel Widerstandskraft geben will,
wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im voraus,
damit wir uns nicht auf uns selbst,
sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben müsste alle Angst
vor der Zukunft überwunden sein.

Ich glaube,
dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind,
und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden,
als mit unseren vermeintlichen Guttaten.

Ich glaube,
dass Gott kein zeitloses Fatum ist,
sondern dass er auf aufrichtige Gebete
und verantwortliche Taten wartet und antwortet.


Pfarrer Eberhard Schwarz, Hospitalkirche und Evangelische Kirche in der City

 

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