Evangelische Stiftskirche Stuttgart

Mitten im Leben

Gedanken zur Jahreslosung 2020 von Christoph Doll (September 2020)

Beim Aufräumen alter Materialien aus dem Religionsunterricht stieß ich unlängst auf einen Stoß Arbeitsblätter, die ich vor einigen Jahren in einer 11. Klasse eingesetzt hatte. Den Jugendlichen hatte ich damals die Aufgabe gestellt, den Halbsatz zu ergänzen: „Glauben – das bedeutet für mich ….“.

Manche waren rasch fertig und notierten: „Ich bin nicht gläubig.“ Andere kamen ins Nachdenken und formulierten eigene Antworten, die eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem für Christen so elementaren Wort „glauben“ widerspiegeln. Einer schrieb: „Glauben – das bedeutet für mich: Ich bin von etwas fest überzeugt, ohne es beweisen zu können.“ Eine andere: „Ich wünschte mir, ich könnte glauben. Dann wäre ich freier und könnte loslassen. Meine Großmutter kann das. Ich habe es oft auch versucht, aber es funktioniert nicht.“ Eine Mitschülerin hielt fest: „Glauben – das bedeutet für mich: Mir etwas zutrauen, an mich glauben: dass ich das Abi schaffe usw.“ Und ein Junge schrieb: „Als Kind habe ich viel gebetet und geglaubt, dass mich Gott erhört. Doch seit meine Mutter gestorben ist, kann ich das nicht mehr.“

m Anschluss an diese Eigenarbeit der Schülerinnen und Schüler haben sich damals Kleingruppen gebildet, die sich ihre Sätze erläuterten. Es war für mich als Lehrer faszinierend, wie ernsthaft die Jugendlichen bei der Sache waren, sich zuhörten, Kommentare abgaben und im Nu lebhaft diskutierten.

Das Spektrum, das sich allein schon in diesen paar Sätzen junger Leute abbildet, zeigt: Glaube ist ein Wort, das man nicht rasch auf eine Formel bringt und dann abhakt. Glaube ist ein Geschehen, das nachdenklich macht und Dimensionen hat, die sich einem verfügenden Zugriff entziehen. Wer sich auf das Geheimnis des Glaubens einlässt, bekommt es mit Ambivalenzen zu tun, mit Widersprüchen und Zerreißproben. Zum Geheimnis des Glaubens gehört aber auch das Entdecken von Unerhörtem und Unwahrscheinlichem.

Das ist jedenfalls die Erfahrung des Vaters, der angesichts der ständig wiederkehrenden epileptischen Anfälle seines Sohnes mürbe geworden ist und gleichwohl seinen Jungen zu den Jüngern Jesu und schließlich vor ihren Meister selbst bringt. Das Leid seines Sohnes und seine eigene Not damit schildert er offenherzig. Nicht weil er Mitleid sucht, sondern weil sich in der Tiefe seines Herzens noch Hoffnung regt: Hoffnung auf einen Umschwung, auf einen Ausweg aus der Auswegslosigkeit. Zugleich hat sich in seiner Brust aber auch Skepsis eingenistet. Zwar wagt er es, mit seiner Bitte um Hilfe vor Jesus hinzutreten. Doch in die mischt sich ein Vorbehalt: „Wenn du aber etwas kannst“, schickt er voraus. Vertrauen und Mangel an Vertrauen überlagern sich in seiner Bitte. Erwartungen hegt er, aber gleichzeitig kommt er nicht los von seiner Angst, dass seine Erwartungen ins Leere laufen könnten. Welche eine krasse Dissonanz! Kein Wunder, dass der verzweifelte Vater am Ende nur noch schreien kann, als er von Jesus vernimmt: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt!“ Er schreit heraus, was ihn zu zerreißen droht: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ Eine emotional hoch aufgeladene, merkwürdig schillernde Äußerung ist dieser Schrei. Einerseits klares Bekenntnis, zugleich aber auch Bittruf eines Ohnmächtigen.

Eine Bewegung bildet sich zudem darin ab, die in der Geschichte der Christenheit viele Menschen in ihrer eigenen Glaubensbiografie erlebt haben: die Bewegung aus sich heraus, die Bewegung auf Christus zu. Diese Zuwendung, dieses Aus-sich-selbst-Herausgehen verhilft nicht selten zu einem befreienden Loslassen: Ich bin nicht mehr allein mit meiner Not, wenn ich sie mit einem Gegenüber teile. Und bisweilen geschieht es dann, dass ich meine Sorgen nicht nur loslassen kann, wenn ich sie im Gebet ausspreche, sondern es auch Christus überlasse, was er aus meiner Krankheit, meiner Einsamkeit, meiner Verzweiflung, meiner Sorge um andere macht. Diese geheimnisvolle Verwandlung eines Bittgebets in vertrauensvolle Hingabe lässt sich nicht erzwingen. Doch von Ostern herkommend berührt uns das Licht dieser Verwandlung immer schon, ob wir’s merken oder nicht.

Der Heidelberger Neutestamentler Gerd Theißen hat diese Dynamik theologisch noch schärfer gefasst, als er in seinem „kritischen Katechismus“ (G. Theißen: Glaubenssätze. Gütersloh 2013, S. 16) formulierte:

„Glaube an Christus
ermutigt,
nicht aufzugeben,
wenn alles hoffnungslos erscheint.
Christlicher Glaube
ist Mut zum Leben und zum Sterben,
der mit Christus gekreuzigt wird
und mit ihm aufersteht
und so mit Gott
jetzt und für immer
verbunden ist.“



Christoph Doll, Pfarrer an der Leonhardskirche in Stuttgart

 

 

 

 

Zum Seitenanfang

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.